Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

das Sicheinswissen mit anderem Bewußtsein in besonderer 
zuständlicher Bestimmtheit in Betracht, die Mitfreude 
ohne weiteres für das durch Mitgefühl veranlaßte Wollen in 
Wegfall kommt und nur von Mitleidswollen die Rede sein 
könne. Die Lust (Freude) veranlaßt ja niemals ein Wollen, son¬ 
dern immer nur die Unlust (Leid); gibt es aber kein durch 
Lust veranlaßtes Wollen, so muß zweifelsohne alles durch Mit¬ 
gefühl veranlaßte Wollen Mitleidswollen sein. 
Gäbe es nun kein anderes Wollen aus Liebe2 als das Mit¬ 
leidswollen, das ja zweifellos Wollen aus Liebe 2 ist, so müßten 
wir auch der Schopenhauerschen Gleichung „Mitleidswollen = 
sittliches Wollen“ zustimmen. Wieviel Wollen aus Liebe1 
aber kennen wir, in dem doch von Mitleid nichts zu finden ist, 
in dem das wollende Bewußtsein zwar Unlust an dem anderen 
Bewußtsein hat — wie könnte es sonst überhaupt wollen —, 
aber diese Unlust ist nicht Mitleid und kann es in manchen 
Fällen nicht sein, weil das andere Bewußtsein selbst nicht Leid, 
sondern Freude hat. Als Beispiel diene der Vater, der seinen 
in schlechter Gesellschaft fröhlich lebenden Sohn retten will; 
hier läßt sich wohl vom Leid des Vaters, aber nicht vom Mit¬ 
leid sprechen, und wenn wir genauer zusehen, so finden wir, 
daß in dieser Liebe2 des Vaters nichts von einem Sicheinswissen 
mit dem Sohne in besonderer Bewußtseinsbestimmtheit, 
wie es im Mitleidswollen immer in den Vordergrund tritt, sich 
findet, sondern allein das sich im Wesen mit dem Sohne Eins¬ 
wissen vorliegt. 
Hieraus entnehmen wir aber den Wink, daß wir für eine 
zureichende Beantwortung der Frage „was ist sittlich?“ von 
einer als Mitleidsethik aufgebauten Liebesethik keine Hilfe 
zu erwarten haben, obgleich sie uns immer dahin führt zu er¬ 
kennen, daß, wenn anders „sittlich“ mit der Liebe2 zusammen¬ 
hängt, nicht das Sicheinswissen in besonderer Bestimmtheit, 
sondern das „sich im Wesen Einswissen“ für die Bestimmung 
dessen, was „sittlich“ ist, allein in Frage kommt. Denn wer 
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