Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Weiterung der Rechte des Landesrates, um Anhörung der saarländischen 
Delegation vor dem Rat und um die Ernennung des saarländischen Kom¬ 
missionsmitgliedes auf Vorschlag der politischen Parteien lösten keinerlei 
Initiative aus, abgesehen von einem weiteren erfolglosen Vorstoß Brantings 
im Dezember 1924227. Da die Weltpresse besonders dieses Anliegen der 
Saarländer aufgegriffen hatte 228, unternahm es das Sekretariat, ab 1924 
durch Informationen an die Presse über den Stand der Saarfragen und die 
positiven Ergebnisse des Verwaltungssystems zu orientieren 229. Die Demo¬ 
kratisierung des Systems hätte eine Revision des Vertrages bedeutet, poli¬ 
tische Aktivität des Völkerbundes im Sinne seiner ideellen Grundlagen 
gefordert. Das Sekretariat indes betrachtete die Saarfrage nicht als poli¬ 
tische Aufgabe im eigentlichen Sinne, sondern als Verwaltungsaufgabe. 
Diese Grundauffassung über das Saarstatut wurde von den politischen Par¬ 
teien nie erkannt, akzeptiert oder gar verstanden. Als der Versailler Ver¬ 
trag das Gebiet dem Völkerbund unterstellt hatte, war eine politische An¬ 
näherung an diese Konzeption primär erfolgt im Gedanken daran, daß 
das Ideengut des Völkerbundes für die Saar eine hoffnungsvolle Entwick¬ 
lung ermögliche. Die Nichterfüllung der demokratischen Grundforderungen 
der Saarbevölkerung blieb eine dauernde Belastung der gesamten Ordnung. 
Das Verhältnis der politischen Parteien zur Regierungskommission behielt 
etwas vom Charakter grundsätzlicher Obstruktion, der die Sachlichkeit in 
der Beurteilung der Tätigkeit der Kommission fehlte. So urteilten selbst 
Männer, die der Saarbevölkerung mit großem Verständnis und Wohlwollen 
gegenübertraten wie der Kanadier Stephens230 oder der Saarländer Koß- 
mann231. Die Haltung der Parteien wurde auch durch die lange Dauer eines 
Verwaltungssystems hervorgerufen, das letztlich doch nur ein Vorstadium 
für das unabhängige und freie Plebiszit darstellen sollte. 
Mit dieser Tatsache und dem Eindruck, den die französische Progression 
und die Politik der Regierungskommission in den ersten Jahren auf die 
Parteien gemacht hatten, hing eine dritte Tendenz zusammen, die in den 
227 Branting wies auf dieser Ratstagung erneut darauf hin, daß die Vertretung der Saar¬ 
bewohner vor dem Rat gehört werden sollte und arbeitete die Verantwortung des 
Völkerbundes zur Entwicklung eines demokratischen Systems im Saargebiet heraus. 
S.D.N. J.O. V,4 (1924), S. 507. 
22s Vor allem die englischen Journalisten hatten sich in ihren Büchern zu Anwälten der 
demokratischen Forderungen der Saarländer gemacht: Osborne, a. a. O., Bis- 
schop, a.a.O., und besonders Donald, a.a.O., der klar herausstellte, wie die 
Sehweisen von Völkerbund und Saarbevölkerung verschieden blieben. 
229 S.D.N. Archives des Sect. du Secretariat, Sect. Pol. Sarre, Nr. 56, Dossier General I. 
230 Ebenda: In Nr. 56,3b ist ein Gutachten von Stephens von 51 Seiten, das er dem 
Sekretariat und englischen Regierungsstellen übersandte. Er besaß volles Verständnis 
für die Unpopularität des Regierungssystems (S. 10), legte aber auch dar, daß die 
Opposition nur aus der Situation zu erklären sei, 15 Jahre lang den Blick auf das 
Plebiszit offen zu halten (S. 29). 
231 Koßmann legte wiederholt dar, daß die Opposition gegen die Regierungskom¬ 
mission grundsätzlich sei und daß nach der Rückkehr des Saargebietes nach Deutsch¬ 
land die Saarländer positiver über die gute Verwaltung der Reg.-Kom. urteilen 
würden. A. a. O., Nr. 57, Colban (personnel), Bericht über Besprechungen mit den 
Mitgliedern der Reg.-Kom. anläßlich eines Besuches an der Saar v. 5.—7. Februar 
1925 und in einem Presseinterview 1927 (a. a. O., Nr. 56,2). 
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