Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Klagen an das Sekretariat sprachen immer wieder von Hetze gegen diesen 
Vertrag85. Da man sich gewisser Schwierigkeiten gegenüber der deutschen 
Bevölkerung von Anfang an bewußt war, stellte Rault aus solchem Denken 
neben dem Zug der Sorge für die Wohlfahrt der Bevölkerung besonders 
Autorität und reale Macht der Kommission heraus. 
„In der gleichen Weise, in der die Regierungskommission von dem Bewußtsein 
ihrer Pflichten durchdrungen ist, ist sie auch gesonnen, ihrer Autorität Achtung zu 
verschaffen, und alle Bestrebungen, von wo sie auch nur immer kommen mögen, 
die Bevölkerung zu beunruhigen oder sie zu Fehltritten zu verleiten, unnachsichtig 
zu unterdrücken. Der Friedensvertrag hat sie keineswegs wehrlos dahingestellt. Die 
Rechte, die er ihr verlieh, setzen sie sehr wohl in den Stand, sich ihrer hohen Auf¬ 
gabe zu widmen, ohne sich durch etwaige eitle oder gar verbrecherische Aufleh¬ 
nungen beeinträchtigen zu lassen . . 86 
Zur Stärkung ihrer Autorität nahm die Kommission wiederholt moralische 
Hilfe des Völkerbundes in Anspruch, und sie konnte dort wirksam die Auf¬ 
fassung vertreten, daß die Stärkung dieser ihrer Autorität die wichtigste 
Voraussetzung für das Funktionieren des Systems sei87. Zur machtmäßigen 
Unterbauung des Regierungssystems glaubte Rault, das französische Militär 
nicht entbehren zu können. Außerdem kann als eine weitere Grundtendenz 
der Raultschen Politik herausgearbeitet werden, daß er nach der Schaffung 
gesetzlicher Handhaben strebte, die es ihm ermöglichen sollten, gegebenen¬ 
falls gegen die Opposition einzuschreiten. In ihnen erblickte er ein wirk¬ 
sames Mittel zur Stärkung der Autorität der Kommission, in deren Ermes¬ 
sen es dann liege, strenge Gesetze milde anzuwenden88. 
Die Politik Raults und seine Auffassungen über die Zusammenarbeit mit 
der Bevölkerung waren begleitet von der Erwartung, auf diese Weise auch 
Sympathien für Frankreich gewinnen zu können, da es ja nur gelte, die 
preußisch-deutschen Einflüsse auszuschalten und für das Wohl der Bevölke¬ 
rung zu sorgen. Die offiziellen französischen Propagandamaßnahmen aus 
der Zeit der Besatzung wurden weitgehend eingestellt89. Träger der fran¬ 
zösischen Propaganda wurden hinfort die Grubenverwaltung mit ihren 
Sozialmaßnahmen und ihren Schulen und der Saarbund, eine profranzö¬ 
sische Vereinigung, die als Zeitung den „Saar-Kurier“ herausgab90. Die Re¬ 
ss S.D.N. J.O. 1,3 (1920), S. 102; 1,5 (1920), S. 284: Hier werden „Traité de Paix et 
l’autorité de la Société des Nations“ zusammengenommen und in ihrem moralischen 
Anspruch identifiziert. 
56 Deutsches Weißbuch, S. 72; S.D.N. J.O. 1,3 S. 107. 
57 Im Laufe vieler Sitzungen des Rates des Völkerbundes wurde der Regierungskom¬ 
mission das Vertrauen und die Anerkennung des Rates ausgesprochen. Diese An¬ 
erkennungen zitierte Hanotaux als französischer Ratsvertreter in seiner Entgegnung 
auf das Exposé Lord Robert Cecils am 26. 6. 1923; S.D.N. J.O. IV,8 (1923), S. 865 f. 
Diese Anerkennungen waren der Kommission von den englischen Ratsvertretern Sir 
Fisher, Lord Robert Cecil und Lord Balfour, von dem Belgier Hymans und dem 
Italiener Graf Imperiali ausgesprochen worden. 
88 Vgl. dazu unten S. 75. 
89 Das betonte immer wieder Robert Herly (sein Pseudonym ist Jean Revire), bes. 
in Le mouvement francophile en Sarre in H. Hirsch, a. a. O., S. 92 ff. und in 
Re vi re, Perdrons-nous la Sarre?, S. 58. 
90 Herly, a. a. O., S. 92 f. ; W. Hoffmann, Die Ideenwelt der mehrheitssozialistischen 
Bergarbeiterschaft im Saargebiet, Diss. (Masch.), Bonn 1923, S. 17ff.; Wambaugh, 
a. a. O., S. 93 
56
	        

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