Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

. . . mit dem ausschließlichen Ausbeutungsrecht“ Frankreichs (Teil III, Ab¬ 
schnitt IV, Artikel 45 des Vertrages)36. In Kapitel I der Anlage zu den Saar¬ 
bestimmungen des Vertrages wurden diese Rechte noch genauer abgegrenzt. 
In Kapitel II der Anlage „Regierung des Saarbeckengebiets“ bestimmte § 31 
„Das Saarbeckengebiet . . . wird dem französischen Zollsystem eingeord¬ 
net . . .“. Bis zur endgültigen Eingliederung waren Übergangsbestimmungen 
für die Dauer von fünf Jahren vorgesehen. § 32 desselben Kapitels besagte: 
„Der Umlauf französischen Geldes im Saarbeckengebiet unterliegt keinem Gebot 
und keiner Beschränkung. 
Der französische Staat hat das Recht, sich bei allen Käufen und Zahlungen und bei 
allen Verträgen über die Ausbeutung der Gruben oder ihrer Nebenanlagen des 
französischen Geldes zu bedienen.“ 
Kulturelle Vorrechte: § 14 Kapitel I der Anlage zum Vertrag bestimmte: 
„Der französische Staat kann jederzeit als Nebenanlagen der Gruben Volksschulen 
oder technische Schulen für das Personal und die Kinder des Personals gründen und 
unterhalten und den Unterricht darin in französischer Sprache nach einem von ihm 
festgelegten Lehrplan durch von ihm ausgewählte Lehrer erteilen lassen. 
Desgleichen kann er Krankenhäuser, Polikliniken, Arbeiterhäuser und -gärten und 
andere Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützige Anstalten gründen und unter¬ 
halten.“ 
Politisch wurde man nur indirekt gewissen französischen Wünschen ge¬ 
recht. Die Verwaltung des Gebietes durch eine internationale, vom Völker¬ 
bundsrat ernannte Regierungskommission wurde von Frankreich unter dem 
Gesichtspunkt der Abtrennung des Saargebietes von Deutschland gesehen 
und angenommen. Bevor Tardieu als engster Mitarbeiter Clemenceaus am 
9. April den Grundzügen der endgültigen Saarlösung zugestimmt hatte, 
waren die folgenden Fragen von ihm gestellt und von Wilson positiv beant¬ 
wortet worden: 
„1. La souveraineté allemande sera-t-elle suspendue? 
2. La Commission aura-t-elle pleins pouvoirs, y compris celui de révoquer les 
fonctionnaires? 
3. Les élections au Reichstag seront-elles supprimées?“37 
Die fünfzehn Jahre bis zur Abstimmung sollten Frankreich die Möglichkeit 
geben, das Gebiet für sich zu gewinnen38. 
36 Alle Zitate aus dem Versailler Vertrag, dessen Bestimmungen in Teil III, Abschnitt IV, 
Artikel 45—50 mit Anlage zu diesen Artikeln als „Saarstatut“ des Versailler Ver¬ 
trages bezeichnet werden, geben die amtliche deutsche Übersetzung des Vertragstextes 
(Reichsgesetzblatt 1919, S. 687 ff.). Abdruck des Saarstatutes in der amtlichen Über¬ 
setzung auch bei C. Groten, Die Volksabstimmung im Saargebiet, S. 19ff. Der 
französische und englische Text des Saarstatutes, der für die Auslegung allein bindend 
ist, in Niemeyer-Strupp, Jahrbuch des Völkerrechts, Bd. VIII, Die Friedens¬ 
schlüsse 1918—1921, München und Leipzig 1922, S. 104—113. 
37 Tardieu, a. a. O., S. 304. Die deutsche Übersetzung in Deutsches Weißbuch, S. 14, 
ist nicht restlos klar. 
38 In der Sitzung des Rates der Vier am 8. April 1919 hatte Lloyd George bei der 
Kennzeichnung des internationalen Verwaltungsstatuts des Saargebietes dargelegt, 
daß er überzeugt sei, „que si, dans quelques années, un plébiscite avait lieu, cetce 
population ne demanderait pas à revenir à l’Allemagne“. Tardieu, a. a. O., S. 299; 
auch zitiert bei Wambaugh, a. a. O., S. 53; Deutsches Weißbuch, S. 12; Hirsch, 
a. a. O., S. 44. 
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