Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

liehe Zusicherungen, daß Zentrumspolitik und Zentrumspolitiker im Saar¬ 
gebiet nicht diffamiert würden und daß Zentrumsmitglieder und Vertreter 
der Zentrumspresse wegen ihrer politischen Haltung und ihrer Äußerungen 
keine Nachteile erwachsen dürften; überdies trat er für die Freiheit der 
katholischen Presse zur Darlegung und Verteidigung katholischer Grund¬ 
sätze und zur Abwehr von Angriffen ein, und auch in diesem Punkte wur¬ 
den die Zusagen in die schriftliche Vereinbarung aufgenommen. Außerdem 
kam man überein, daß Meijer Generalsekretär der Deutschen Front werden, 
von der Zentrumspartei ausgewählte Mitglieder in die Gremien der 
Deutschen Front aufgenommen und auf lokaler Ebene nur die Tüchtigkeit 
und das Ansehen unter der Bevölkerung für die Übernahme eines Amtes 
in der Deutschen Front maßgebend sein sollten. Durch diese Zusagen er¬ 
reichte Spaniol, was ihm entscheidend war, die Beseitigung einer selbstän¬ 
digen Parteiorganisation und nominell auch die Beseitigung einer partei¬ 
politischen Zentrumspresse. Am 13. Oktober 1933 wurde die Auflösung in 
einem Aufruf veröffentlicht, in dem auf die Vereinbarungen hingewiesen 
wurde und in dem es hieß: „In neuen Formen werden wir für das alte Ziel 
kämpfen und streiten: Katholisch und deutsch“ 235. 
Für die Nationalsozialisten war Wesentliches gewonnen. Die Zentrums¬ 
partei war beseitigt, die katholischen Politiker ihrer Verbindung mit brei¬ 
teren Bevölkerungsschichten beraubt und die Möglichkeit einer einheitlichen 
Aktion und Überzeugungsbildung mit großer Resonanz ausgeschlossen. Am 
30. Oktober wurden die Christlichen Gewerkschaften unter der Führung 
von Peter Kiefer in der Deutschen Gewerkschaftsfront zusammengefaßt236. 
Die Zusicherungen über den Aufbau der Deutschen Front führten dort, 
wo sie eingehalten wurden, zu einer Verbesserung der Gesamtsituation für 
die Abstimmung, da die Bevölkerung zu den angesehenen Persönlichkeiten 
und den Nicht-Nationalsozialisten großes Vertrauen besaß und ihre Ent¬ 
scheidung für die Rückkehr in dem bestehenden Dilemma leicht nachvoll¬ 
zogen wurde. In drei großen Denkschriften der Deutschen Front vom 
Dezember und Januar 1933/34 und in einer Delegation der Deutschen Front 
nach Genf, die sich aus den alten Parteiführern im Landesrat zusammen¬ 
setzte, konnte die Einheit des Saargebietes in nationaler Hinsicht erneut 
demonstriert werden237. 
Bei allen Vorbehalten gegenüber dem Nationalsozialismus war der Zen¬ 
trumspartei auf Grund ihres Programms einer nationalen Zusammenarbeit 
die Selbstbehauptung nicht gelungen. Das Protokoll über die Verhandlun¬ 
gen zur Auflösung scheint in der Betonung des nationalen Gesichtspunktes 
überdies darauf hinzuweisen, daß auch in den Kreisen, die zu weiterem 
Widerstand gegen den Nationalsozialismus entschlossen waren, eine grund¬ 
sätzliche Änderung des Saarprogramms noch nicht erwogen wurde. 
235 S.L.Z. Nr. 279 v. 13. 10. 1933. 
236 ßäftiZ 3., 3.* Oi S» 30* 
237 Denkschriften v. 18. 12. 1933 (C. 46. M. 15. 1934. VII), v. 30. 12. 1933 (C. 62. M. 20. 
1934. VII) u. v. 13. 1. 1934 (C. 78. M. 23. 1934. VII), S.D.N. J.O. XV,3 (1934), 
S. 307—316 u. 321—325. 
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