Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Konsequenz wurde aber noch nicht ausgesprochen, sei es, daß man sich 
weiterhin der Illusion hingab, die auch noch von emigrierten Sozialisten 
genährt wurde, das Regime habe nur Übergangscharakter210, sei es, daß 
man Zeit gewinnen wollte, um sich internationale Hilfe zu verschaffen, sei 
es, daß man auf Grund der eigenen Tradition und des Nationalbewußtseins 
der Saarbevölkerung wie der Angriffe der Nationalsozialisten und Kom¬ 
munisten selbst vielfach gehemmt war und nicht wagte, in der eigenen An¬ 
hängerschaft ein neues Saarprogramm zu propagieren211. 
Am 16. September 1933 sandte die Sozialdemokratische Partei des Saar¬ 
gebiets eine Denkschrift an den Völkerbund212. Man berichtete ausführlich 
von den Terror- und Boykottmaßnahmen gegen die Sozialdemokraten und 
die sozialistische Presse und rief unter Hinweis auf Paragraph 34 des Saar¬ 
statuts den Schutz des Völkerbundes für persönliche Freiheit, Rechtssicher¬ 
heit und freien Wahlkampf an. In der Einleitung der Denkschrift betonte 
man ausdrücklich, daß die ablehnende Haltung gegenüber dem national¬ 
sozialistischen Vorgehen nicht nur von der „Freiheitsfront“ des Saargebie¬ 
tes vertreten werde, sondern ebenso von dem angesehensten Teil der bürger¬ 
lichen und anderer Parteien, die sich entschlossen und leidenschaftlich gegen 
das Gewaltregime gewandt hätten. Noch hofften also die Sozialisten des 
Saargebiets auf Unterstützung der anderen Parteien, vor allem wohl des 
Zentrums. Ein weiterer Gedanke, der in Zukunft oft von Braun dargelegt 
wurde und auch eine der Thesen der Exil-Sozialdemokraten darstellte213, 
wurde in der Denkschrift auch ausgesprochen: Die Politik der Verständi¬ 
gung habe einem Annexionismus Platz gemacht und Hitler bedeute Krieg. 
Ein Saarprogramm enthielt die Denkschrift nicht. 
Auch die Haltung der Sozialdemokratischen Partei des Saargebietes offen¬ 
barte 1933, daß man einerseits sich in starker Abhängigkeit von der deut¬ 
schen Parteientwicklung befand und daß zum andern das nationale Funda¬ 
ment aller saarländischen Parteien sich als besonders fest erwies. Acht 
Monate nach der Bildung der Regierung Hitler und vier Monate nach der 
Verlegung des deutschen Parteivorstandes nach Prag waren die Sozialdemo¬ 
kraten im Saargebiet noch nicht zu einem klaren Programm für die Saar¬ 
abstimmung gelangt, das man öffentlich zu propagieren wagte. Wie der 
Nationalsozialismus die Deutsche Sozialdemokratische Partei weitgehend 
unfähig zur Aktion getroffen hatte, so wirkte sich das Dilemma, in das sich 
die Saarbevölkerung gestellt sah, trotz aller starken Worte zunächst eher 
lähmend auf die Sozialdemokraten des Saargebiets aus denn als Impuls zu 
einer konstruktiven Politik. 
210 Vgl. dazu die Darlegungen Wels’ auf der Tagung der SAI im August 1933 in Paris, 
Hinweis bei Matthias — Morsey, a. a. O., S. 165. 
2H Die zögernde Haltung in dieser Frage zeigte sich z. B. noch in den Resolutionen der 
Freien Gewerkschaften d. Saargeb. v. November 1933, als eine klare Stellungnahme 
noch vermieden wurde. Besonders in Gewerkschaftskreisen schien man mit einer Fest¬ 
legung in der Saarfrage zu zögern. Volksstimme Nr. 255 v. 2. 11. 1933, 
212 S.D.N. Dokument C. 549. M. 264. 1933 I., J.O. XV,1 (1934), S. 53—56. 
213 Darüber bes. Matthias, Sozialdemokratie und Nation^ S. 118f. 
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