Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

sozialdemokratischen Presseorgans, „Die Deutsche Freiheit“, beschlos¬ 
sen194. Die Zeitung erschien in Saarbrücken und wurde vom Redaktions¬ 
stab der Volksstimme unter Leitung Brauns herausgebracht. Sie nannte sich 
„Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands“, erschien zunächst in 
100 000 Exemplaren und sollte vor allem der Aktivierung des Widerstan¬ 
des gegen den Nationalsozialismus in den deutschen Grenzgebieten 
dienen195. Die Zeitung enthielt Nachrichten aus allen Teilen Deutschlands, 
vor allem über die inneren Schwierigkeiten des nationalsozialistischen Re¬ 
gimes und den Widerstandswillen der Arbeiterschaft; sie berichtete auch 
über die internationale Lage und die Entwicklung des Saarproblems. Die 
deutschen Emigranten schritten während des Jahres 1933 auch noch zur 
Gründung einer weiteren Zeitung, „Westland, Unabhängige deutsche 
Wochenzeitung“, die aber nicht von Braun, sondern den emigrierten deut¬ 
schen Sozialisten redigiert wurde. Sie hatte ein beachtliches Niveau und ver¬ 
fügte über gute Informationsquellen196. Die „Volksstimme“ verbreitete 
weiterhin Kritik an Hitlers Friedensreden, wies auf die arbeiterfeindliche 
und kapitalistische Haltung der Nationalsozialisten hin und behandelte 
alle außenpolitischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der neuen Regie¬ 
rung197. Erklärungen und Aufsätze führender Sozialisten wurden auf¬ 
genommen, wie Otto Wels Erklärung über seinen vorübergehenden Aus¬ 
tritt aus der Sozialistischen Arbeiterinternationale198, Friedrich Stampfers 
Aufsatz über die Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion am 
17. Mai199 und Friedrich Adlers Aufsatz über „Die Aufgabe der Emigration 
in der vergewaltigten Partei“ 20°. Diese Kontakte zwischen den emigrierten 
Sozialisten und den Saarländern und die Beziehungen zum Prager Partei¬ 
vorstand führten dazu, daß die allgemeine geistige Entwicklung der deut¬ 
schen Sozialdemokraten und ihre Deutung der jüngsten Erlebnisse sich auch 
in den Vorstellungen der saarländischen Sozialisten auswirkten. So führte 
z. B. Braun in einer Rede im Juni 1933 aus, daß die SPD der bürgerlich¬ 
demokratischen Arbeit vorbei sei und nun die SPD des sozialistischen 
Kampfes leben müsse201. 
Die eigentlich saarländische Weise der Verarbeitung der neuen Ereignisse 
muß aber in anderen Äußerungen und Handlungen dieser Monate gesehen 
werden. Bereits in einem Artikel vom 11. Mai 1933, der sich mit dem 
Vorgehen gegen die Gewerkschaften auseinandersetzte, legte Braun dar, 
daß der Kampf nun mit der II. Sozialistischen Internationale und mit 
194 Volksstimme, Nrn. 134 u. 135 v. 12. u. 13. 6. 1933;Matthias — Morsey, a. a. O., 
S. 260. 
595 Volksstimme Nrn. 134 u. 135 v. 12. u. 13. 6. 1933. 
196 Vgl, z. ß. die Artikel „Der diplomatische Kampf um die Saar“, Westland Nr. 24 v. 
16. 6. 1934 u. „Die Saar als Trumpf des Vatikans“, Westland Nr. 26 v. 30. 6. 1934. 
197 2. B. Volksstimme Nrn. 115, 116, 124, 138, 139, 142, 143, 149 vom Mai und Juni 1933. 
598 Volksstimme Nr. 134 v. 12. 6. 1933. 
199 Volksstimme Nr. 121 v. 26. 5. 1933 „Verständnis und Gerechtigkeit“. 
200 Volksstimme Nr. 134 v. 12. 6. 1933. 
201 Volksstimme Nr. 138 v. 17. 6. 1933. 
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