Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

der Gewerkschaftssekretär des „Alten Verbandes“, Petri, an23, der später 
Landesratsabgeordneter der Sozialdemokratischen Partei wurde. Allent¬ 
halben gewannen die Sozialisten und die Freien Gewerkschaften, die vor 
dem Kriege kaum Einfluß besessen hatten, an Boden. Die Mitgliederzahlen 
der Freien Gewerkschaften stiegen sprunghaft von 1250 Mitgliedern im 
Jahre 1913 auf 23 000 Mitglieder im Jahre 1918 und dann auf 41000 im 
Jahre 192024. Im Zuge dieser Bewegung versuchten die Sozialisten in Saar¬ 
brücken die Verhältnisse allein zu gestalten25; im übrigen Saarland wurden 
aber auch andere demokratisch und sozial gesinnte Vertreter der Bevölke¬ 
rung in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. In Neunkirchen gehörten 
dem Rat z. B. ein Sekretär der Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaft an, außer¬ 
dem ein Augenarzt, ein Lehrer, ein Kaufmann, ein Rechtsanwalt und ein 
Amtsrichter26. In Saarbrücken erzwangen die Christlichen Gewerkschaften 
Verhandlungen und Vereinbarungen mit dem Vorsitzenden des Arbeiter¬ 
und Soldatenrates Schäfer, der sich zu den Zusagen bereit fand, daß 
„1. die wirtschaftlichen Organisationen (Christliche und Freie Gewerkschaften) nach 
wie vor mit- und nebeneinander arbeiten sollten an der Lösung wirtschaftlicher 
Berufsfragen; 
2. . . . die Vertreter der Christlichen Gewerkschaften zu allen Besprechungen, die der 
ASR abhält und in denen öffentliche und soziale Fragen besprochen werden, zwecks 
Mitarbeit zuzulassen sind ..27. 
Den Forderungen der Christlichen Gewerkschaften war durch eine große 
Revierkonferenz am 13. November 1918 in Saarbrücken Nachdruck ver¬ 
liehen worden. Auch die Christlichen Gewerkschaften konnten in diesen 
Revolutionstagen ihre Mitgliederzahl um 1500 erhöhen28. 
Die Arbeiter- und Soldatenräte bildeten an der Saar nur eine kurze Episode, 
da die französischen Besatzungstruppen sie am 24. November 1918 auf¬ 
lösten29. In der Wahlbewegung zur Weimarer Nationalversammlung zeigte 
sich aber, welche Bedeutung dem Prozeß an der Saar zukam. Das Bürgertum 
blieb weiter in die Defensive gedrängt. Es schloß sich in Arbeitsgemein¬ 
schaften über Parteigruppierungen hinweg zusammen, die Führung fiel aber 
den Demokraten zu, und sie vertraten in der Wahlpropaganda betont demo¬ 
kratische und soziale Ziele30. Die bürgerlichen Gruppen konnten in der 
Wahl nur 16 Prozent der Stimmen erhalten, während die Mehrheitssozia¬ 
listen 36,2 Prozent errangen31. Gleichsam von heute auf morgen war in den 
wenigen Monaten nach dem Krieg offenbar geworden, daß das politische 
23 Krajewski, Aus bewegten Zeiten — von Krieg und Kriegsnot, in: Stadt Neun¬ 
kirchen (Saar), Neunkirchen 1955, S. 132/3. 
24 Straus, a. a. O., S. 86: Übersicht über die Stärke der Freien und der Christlichen 
Gewerkschaften. 
25 Kiefer, a. a. O., S. 44. 
26 Krajewski, a. a. O., S. 133. 
27 Kiefer, a. a. O., S. 46 f. 
28 Ebenda, S. 47. 
29 Ebenda, S. 48. 
30 Näheres darüber S. 170 ff. unten. 
31 S.D.N. J.O. 1,8 (1920), S. 68 (5. Periodischer Bericht der Regierungskommission des 
Saargebietes). 
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