Full text : Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

gesetzt,  daß  die  Anweisungen  der  Regierungskommission  nicht  befolgt  wurden,
  und  der  Tag  war  —  nach  den  Aussagen  von  Morize  —  statt  einer  „fete
de  travail“  eine  „fete  d’intimidation“  geworden76.
Die  NSDAP  konnte  diese  erfolgreiche  Tätigkeit  an  der  Saar  nicht  nur  entfalten,
  weil  auch  hier  die  „nationale  Erhebung“  eine  gewisse  Faszination
ausübte,  sondern  weil  die  Partei  auch  in  diesem  Gebiet  mit  Einschüchterung
und  Terror  arbeitete77,  die  um  so  wirksamer  waren,  als  entscheidende  Kreise
des  Saargebietes  sich  in  unmittelbarer  Abhängigkeit  von  der  deutschen  Regierung
  befanden.  Ein  Drittel  aller  saarländischen  Beamten  war  aus  dem
deutschen  Beamtendienst  beurlaubt,  und  die  beiden  anderen  Drittel  —  mit
Ausnahme  der  wenigen  ausländischen  Beamten  —  waren  zu  ihrer  Existenzsicherung
  nach  der  Rückgliederung  auf  Übernahme  durch  die  deutsche  Regierung
  angewiesen.  Die  deutsche  Entwicklung,  insbesondere  das  Ermächtigungsgesetz
  und  das  Gesetz  vom  7.  April  1933  zur  Sicherung  des  Berufsbeamtentums
  wie  die  darauffolgenden  Entlassungen  im  Reich  ließen  die
saarländischen  Beamten  die  Drohungen  der  NS-Presse,  daß  sie  für  ihr  Verhalten
  nach  1935  zur  Rechenschaft  gezogen  würden,  ernst  nehmen;  ein  kleinerer
  Teil  trat  zur  persönlichen  Sicherung  bereits  im  März  und  April  1933
in  die  NSDAP  ein78.  Eigentlicher  Terror  setzte  gegen  die  Kommunisten,  die
Sozialdemokraten  und  die  Juden  ein79.  Jüdische  Geschäfte  und  die  „Volksstimme“
  wurden  boykottiert,  und  Juden  aus  kulturellen  Arbeitsgebieten
herausgedrängt80;  Gastwirte  wurden  gezwungen,  ihre  Lokale  nur  Anhängern
  der  Rückgliederung  zur  Verfügung  zu  stellen81;  französische  und
jüdische  Kinder  wurden  in  den  Schulen  oder  auf  dem  Schulweg  belästigt82;
gegen  französische  Studenten,  die  zu  einem  Besuch  in  Saarlouis  weilten,
wurde  in  feindlicher  Weise  demonstriert83;  Saarländer  wurden  in  Deutschland
  verhaftet  oder  nach  Propagandamaterial  durchsucht84;  zwei  Beamte
des  deutschen  Sicherheitsdienstes  kamen  ins  Saargebiet  mit  dem  offiziellen
Auftrag,  die  Tätigkeit  der  Kommunisten  zu  beobachten  und  nach  Druckereien
  und  Verbreitern  kommunistischen  Propagandamaterials  zu  suchen85;
andere  Saarländer  wurden  —  einmal  sogar  unter  Mithilfe  eines  saarländi-76
  Com.  d.  Gouv.  Pr.-V.  v.  3.  5.  1933,  S.  279.
77  Wambaugh,  a.  a.  O.,  S.  249ff.,  u.  G.  Passe,  Le  Plebiscite  de  la  Sarre,  Paris,  1935,
S.  27  ff.  stellen  die  Terrormaßnahmen,  gestützt  auf  die  Berichte  der  Reg.  Kom.  und
die  Eingaben  der  antinationalsozialistischen  Parteien  und  Gruppen,  ausführlich  dar.
Hier  wird  der  Terror  nur  soweit  skizziert,  wie  es  für  das  Verständnis  der  parteipolitischen
  Entwicklung  im  Saargebiet  notwendig  ist.
78  Vgh  dazu  Ber.  d.  Reg.  Kom.  über  die  Beamtenfragen:  Amtsblatt  der  Reg.  Kom.  1933,
S.  215  ff.
79  Darüber  berichtete  besonders  die  „Volksstimme“  schon  in  den  Monaten  März  und
April  1933.
80  Darüber  bes.  Denkschrift  der  Sozialdem.  Partei  v.  20.  9.  1933,  S.D.N.  J.O.  XV,1
(1934),  S.  53  f.,  u.  v.  6.  1.  1934,  XV,3,  S.  325  ff.;  außerdem  Com.  d.  Gouv.  v.  3.  5.
1933,  S.  29.
81  Darüber  bes.  Denkschrift  d.  Sozialdem.  Partei  v.  6.  1.  1934,  S.D.N.  J.O.  XV,3  (1934),
S.  330  f.
82  Ebenda,  S.  331;  außerdem  Com.  d.  Gouv.,  Pr.-V.  v.  17.  5.  1933,  S.  299.
83  S.D.N.  J.O.  XV,9  (1934),  S.  1128.
84  S.D.N.  J.O.  XV,5  (1934),  S.  461;  XV,8,  S.  983  f.;  XV,9,  S.  1140.
85  Ebenda,  XIV,8  (1933),  S.  1146  ff.

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