Full text : Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Im  Wahlkampf  zum  ersten  saarländischen  Landesrat  zeichnete  sich  die
Eigenart  der  politischen  Agitation  der  Kommunisten  an  der  Saar  klar  ab.
Sie  blieb  in  ihren  wesentlichen  Zügen  während  der  ganzen  Jahre  dieselbe.
Grundsätzlich  wurde  zwar  eine  Besserung  der  Verhältnisse  nur  durch  einen
revolutionären  Aufbruch  in  einem  Aufstand  des  Proletariats  und  durch  die
Schaffung  eines  Rätedeutschlands  erwartet.  Parlamentarismus  und  Demokratie
  wurden  verurteilt,  aber  noch  vor  den  Mehrheitssozialisten  entschloß
man  sich  zur  Beteiligung  an  den  Wahlen  zum  Landesrat  und  zur  Aufgabe
der  Parole  der  Wahlenthaltung,  die  man  zunächst  proklamiert  hatte.  Man
betonte  zwar,  daß  im  Landesrat  die  „parlamentarische  Tribüne“  für  ein
„revolutionäres  Sprachrohr“  erblickt  werde  und  daß  die  KPD  in  den
Landesrat  eintrete  „nicht  als  eine  Partei,  die  Arbeitsgemeinschaft  mit  den
Kapitalisten  schließt,  sondern  als  eine  Partei,  die  den  Landesrat  benutzen
wird,  um  die  ganze  Hohlheit  des  Parlamentarismus  und  die  Seelen  Verwandtschaft
  der  deutschen  und  der  französischen  Kapitalisten  aufzuzeigen“42.  Man
behielt  sich  vor,  im  geeigneten  Augenblick  zum  Aufstand  des  Proletariats
aufzurufen43.  Gleichzeitig  meldete  man  aber  eine  Reihe  von  Forderungen
an  die  Regierungskommission44  an,  und  in  der  ersten  Sitzung  verlangte  man
ebenfalls  in  der  programmatischen  Erklärung  Verbesserung  der  Situation
durch  eine  Reihe  gesetzlicher  Maßnahmen45.  Immer  wieder  stellte  man  auch
in  Zukunft  in  gespannten  sozialen  Situationen  Gesetzesanträge46,  die  nicht
rein  utopisch  waren,  sondern  nur  in  radikalerer  Sprache  Anliegen  vertraten,
die  von  den  Gewerkschaften  oder  Sozialdemokraten  und  Zentrumspartci
ebenfalls  vorgetragen  worden  waren.  Allen  Gesetzes  Vorlagen,  die  eine  Verbesserung
  der  Situation  der  Arbeiterschaft  brachten,  stimmte  man  zu47,  man
bezeichnete  sie  höchstens  als  unzureichend.  Ähnlich  arbeitete  man  auch  in
den  Gewerkschaften.  Man  stimmte  den  allgemeinen  Resolutionen  zu  und
stellte  dann  noch  geschickte  Zusatzanträge48.
In  den  Augen  der  saarländischen  Arbeiterschaft  leistete  der  Kommunismus
durch  dieses  Vorgehen  im  Landesrat  und  in  den  Gewerkschaften  einen  Bei¬42

  A.Z.  Nr.  114  v.  7.  6.  1922  „An  das  werktätige  Volk  an  der  Saar“.
43  A.Z.  Nr.  110  v.  1.  6.  1922  „Die  Wahlen  zum  Landesrat“.
44  S.  Anm.  41.
45  Vgl.  in  Anlage  5  unten  S.  345  ff.
46  Z.  B.:  Landesrat  d.  Saargeb.,  Sten.  Ber.  v.  7.  1.  1925:  Reinhard  setzte  sich  ein  für  die
Sozialversicherung  der  in  Lothringen  arbeitenden  Saarländer;  v.  31.  3.  1925,  S.  8:  Die
KP  verlangte  eine  wesentliche  Heraufsetzung  der  Spende  für  die  Hinterbliebenen  des
Grubenunglücks  in  Merlenbach;  v.  30.  6.  1925,  S.  31:  Anträge  über  Sozialrenten.
47  Landesrat  d.  Saargeb.,  Sten.  Ber.:  Am  7.  1.  1925  wurde  die  Verordnungsvorlage  über
die  Versicherung  des  ausländischen  Personals  einstimmig  abgelehnt;  am  13.  2.  1925
(S.  22  f.)  wurden  die  Verordnungen  über  die  Angestelltenversicherung  und  über  die
Versorgung  der  Kriegsbeschädigten  und  Kriegshinterbliebenen  im  Saargebiet  einstimmig
  angenommen;  am  12.  4.  1926  stimmten  alle  Parteien  für  die  Einführung  der
Reichssteuer  und  für  die  Besteuerung  der  Regierungskommission  (S.  35);  am  16.  6.
1926  wurde  die  Verordnung  über  das  Inkrafttreten  der  Baden-Badener-Abrede  einstimmig
  angenommen  (S.  13).
48  A.Z.  Nr.  63  v.  25.  3.  1922  „Die  Bergarbeiter  von  Ludweiler  gegen  die  Lohnsteuer“;
A.Z.  Nr.  66  v.  6.  4.  1922  „Die  Massenversammlungen  des  ADGB  im  Saargebiet“;
A.Z.  Nr.  65  v.  16.  3.  1928  „Die  Kommunisten  und  die  Sozialversicherung  im  Saargebiet“.


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