Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Einleitung 
Das Saargebiet, im Versailler Vertrag als eigenes Territorium erst geschaffen 
und 1920 für fünfzehn Jahre dem Völkerbund unterstellt, hat seither eine 
bewegte Geschichte erlebt und sowohl in der internationalen Politik wie vor 
allem im deutsch-französischen Verhältnis eine beachtenswerte Rolle gespielt. 
Sein Geschick ist mit den großen europäischen Problemen des Versailler Ver¬ 
trages, der europäischen Verständigungspolitik, des Nationalsozialismus und 
der jüngsten Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg verknüpft. So befaßte 
sich nicht nur die Weltpresse immer wieder mit seinem Schicksal, sondern es 
entstand auch eine Vielzahl von Untersuchungen über Saarfragen. In den 
ersten Jahren nach 1919 beschäftigten sich besonders Juristen mit diesem 
Experiment einer internationalen treuhänderischen Verwaltung durch den 
Völkerbund1. Das Saarstatut des Versailler Vertrages und seine praktische 
Verwirklichung wurden unter rechtlichen Gesichtspunkten beleuchtet, und 
das Problem war besonders im Hinblick auf die Entwicklung des internatio¬ 
nalen Rechts und der internationalen Institutionen interessant. Historische 
Arbeiten in Frankreich und Deutschland fußten in den traditionellen Be¬ 
trachtungsweisen beider Völker. Die deutschen Werke ordneten die Politik 
Frankreichs an der Saar den französischen Hegemoniebestrebungen seit 
Richelieu und Ludwig XIV. ein2, während die Franzosen die westliche 
Orientierung des Rheinlands, vor allem auch zur Zeit des Feudalismus, und 
die französischen Einflüsse im Saargebiet im Zeitalter Ludwig XIV. und 
der Französischen Revolution herausstellten3. Überdies wurden, da das 
Saargebiet plötzlich interessant geworden, eine Fülle von Einzeluntersuchun¬ 
gen und Dissertationen4 über Fragen aus der Frühzeit der Entwicklung 
(1920 bis 1925) oder über die verschiedenen Sachgebiete, besonders wirt¬ 
schaftlicher und sozialer Art, verfaßt5. Diese Arbeiten stellen eine wertvolle 
1 Die bedeutendsten dieser Untersuchungen sind: A. Allot, Le Bassin de la Sarre, 
Paris 1924; E. Biesel, Die völkerrechtliche Stellung des Saargebietes (Frankfurter 
Abhandlungen zum modernen Völkerrecht, Heft 15), Leipzig 1929; H. Coursier, 
Le Statut international du Territoire de la Sarre (Thèse), Paris 1925; R. Frank, Die 
staats- und völkerrechtliche Stellung des Saargebietes, Archiv des öffentlichen Rechts, 
Bd. 43, Heft 1; C. Groten, Die Kontrolle des Völkerbundes über die Tätigkeit der 
Regierungskommission des Saargebietes, Saarbrücken 1929; H. Katsch, Regierung 
und Volksvertretung im Saargebiet, Leipziger rechtswissenschaftliche Studien, Heft 57, 
Leipzig 1930; H. Wehberg, Saargebiet. Die staats- und völkerrechtliche Stellung 
des Saargebietes (Staatsbürgerliche Bibliothek, Heft 116), M.-Gladbadh 1924. 
2 Z. B.: M. Herold, J. Nießen, F. Steinbach, Geschichte der französischen Saar¬ 
politik, Bonn 1934; F. Kloevekorn, Zur politischen Geschichte des Saargebietes, 
Preußischer Gebietsteil, in: Das Saargebiet, seine Struktur und seine Probleme, Saar¬ 
brücken 1929, S. 67—121; H. Oncken, Die Saarlande im Lichte der europäischen 
Geschiehtsenwicklung, in: A. Grabowskyu. G. Sante, Die Grundlagen des Saar¬ 
kampfes, S. 27—40, Berlin 1934. 
3 Z. B.: E. Babeion, Le Rhin dans l’Histoire, Paris 1917; Vidal de la Blanche, La 
France de l’Est, Paris 1917; R. Capot-Rey, Quand la Sarre était française 
(1793—1815), Les Cahiers Rhénans VII, Paris 1928. 
4 W. Cartellieri, Verzeichnis der Saardissertationen, Saarbrücken 1933. 
5 F. Kloeveko rn, Das Saargebiet, seine Struktur und seine Probleme, Saarbrücken 
1929, obwohl unter politischen Gesichtspunkten bearbeitet, enthält wertvolle Einzel¬ 
untersuchungen über Bergbau, Eisenindustrie, Glas- u. Keramikindustrie, über den 
Saarmarkt und die Sozialpolitik, 
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