Full text: Interkommunale Zusammenarbeit im Saar-Lor-Lux-Raum

20 
Europäischen Binnenmarktes oder infolge des Falls des „Eisernen Vorhangs“ an den Ostgrenzen der 
heutigen Europäischen Union. Das theoretische Verschwinden der EU-Binnengrenzen läßt aus zwei oder 
mehreren verschiedenen, aneinanderstoßenden, sich den Rücken kehrenden nationalen Grenzräumen nun 
einen aus diesen Rändern zusammenwachsenden Grenzraum neuer, bisher unbekannter Art entstehen. 
„Der über sein Territorium souveräne Staat verliert Autonomiegrade, gleichzeitig wird das System der 
zwischenstaatlichen Beziehungen grundlegend verändert. Dieser Prozeß impliziert einerseits, daß neue 
bzw. wirkungsvollere transstaatliche Funktionen und Formen der Politik in Erscheinung treten [...]. 
Andererseits unterliegt auch der lokalstaatliche Bereich einer Neudefinition, da national staatliche Regu¬ 
lationsformen zunehmend entfallen“ (OSSENBRÜGGE & SANDNER 1994:683). Gerade diesen neuen po¬ 
litischen und rechtlichen Rahmenbedingungen und der Entwicklung vollkommen neuer, zunehmend insti¬ 
tutionalisierter Interaktionsmuster hat die Geographie wachsende Aufmerksamkeit zu schenken. 
Forschungsgegenstände bei der Betrachtung von Grenzräumen sind heute weniger klassische Themen 
wie Grenzpendler, Güterströme, grenzüberschreitende Infrastruktureinrichtungen etc., sondern mehr und 
mehr institutioneile Formen der Zusammenarbeit, politische und planerische Abstimmungsprozesse, 
aber auch Fragen der Identitätsbildung und kohärenzfördemder kultureller Gemeinsamkeiten. Gleich¬ 
zeitig interessiert sich die politische Geographie in diesem Zusammenhang auch für den Bedeutungsver¬ 
lust der nationalstaatlichen Strukturen und widmet große Aufmerksamkeit den hier wirkenden 
„Zentrifugalkräften“ (vgl. auch BÜRKNER & Kowalke 1996). 
1.3.1.1 Typisierung von Grenzen und Grenzräumen 
Die - im französischen Sinne - stark geopolitisch geprägte Arbeit von FOUCHER (1986) betrachtet 
Grenzen vornehmlich unter dem Aspekt ihres Konfliktpotentials und kommt zu einer Unterscheidung 
von „kalten“, d.h. ruhigen, friedlichen, und „warmen“, d.h. umstrittenen, konfliktträchtigen Grenzen 
bzw. Grenzabschnitten. 
Schwind (zit. in BOESLER 1979:54) schlägt eine genetische Grenztypologie vor, in dem er 
„Zusammenwachsgrenzen“ (strukturgerechte Grenzen), „Aufteilungsgrenzen“ (geometrische Grenzen) 
und „Trennungsgrenzen“ (strukturwidrige Grenzen) unterscheidet. Die strukturgerechten Grenzen leh¬ 
nen sich an den Begriff der antecedent boundaries nach HARTSHORNE (1936) an und meinen politische 
Demarkationslinien, die in einem „allmählichen Vorgang der sozial- und wirtschaftsräumlichen Entwick¬ 
lung von beiden Seiten her erreicht worden“ sind und damit alte Grenzräume bestätigen (BOESLER 
a.a.O.). Als geeignetes Beispiel ließen sich einzelne Abschnitte der deutsch-niederländischen Grenze 
nennen. Unter Aufteilungsgrenzen werden hingegen konstruierte Grenzen verstanden, die meist in un- 
oder dünnbesiedelten Räumen etabliert wurden (z.B. Bundesstaaten der USA). Trennungsgrenzen mi߬ 
achten vorhandene wirtschafts- und sozialräumliche Ordnungen und sind somit strukturwidrig. Hierzu 
zählt die ehemalige innerdeutsche Grenze ebenso wie willkürlich gezogene Grenzen zur Aufteilung der 
afrikanischen Kolonialgebiete, deren Strukturwidrigkeit sich regelmäßig in ethnisch-kulturellen Konflik¬ 
ten äußert. 
KALUSKI (1988:167ff.) sieht vier klassische Möglichkeiten, Gr&azräume zu determinieren. Der erste 
Typ entspricht dabei gängigen Definitionen in Enzyklopädien, wonach Grenzräume Bereiche sind, in 
denen besondere gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der Grenze dien(t)en (z.B. Sperrgebiete entlang 
der ehemaligen DDR-Grenze zur BRD, Zollgrenzbezirke o.ä.). Auch in der Geographie gebräuchlicher 
ist die Orientierung der Grenzraumdefinition an innerstaatlichen Verwaltungseinheiten der ersten oder 
zweiten Ordnung, was nicht zuletzt aus Gründen der Verfügbarkeit statistischer Daten eine beliebte 
Vorgehensweise ist. Drittes Abgrenzungskriterium können wirtschaftliche Raumeinheiten sein. Ange¬ 
sichts der peripheren Lage der Grenzräume sind dies oft strukturschwache, ländliche Gebiete. Das Bei¬ 
spiel des hier behandelten Saar-Lor-Lux-Raumes, dessen Ursprung im sogenannten Montandreieck 
Saar-Lor-Lux liegt (s. Kap. 3), zeigt jedoch eindrucksvoll, daß auch (alte) Industrieräume und Bergbau¬ 
regionen grenzüberschreitenden und damit vereinenden Charakter besitzen können. Als vierte Variante 
sieht KALUSKI eine Rückbesinnung auf „natürliche Grenzen“, worunter er jedoch nicht einen Rückfall
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.