Full text: Das Mainzer Zunftwesen und die französische Herrschaft

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die „Gesinnungen“ der Mainzer Zünfte gegenüber den Fran¬ 
zosen und ihren Absichten. 
Die Zünfte knüpfen an die ihnen von Ciistine vorgelegten 
drei Fragen an. Sie danken dem General „für die in der Prokla¬ 
mation158) geäusserten Gesinnungen und gütigst gethane Zu¬ 
sicherung sowohl, als auch für die Ruhe und gute Ordnung“, 
die er seit der Einnahme der Stadt hatte beobachten lassen. 
ln Beantwortung der Fragen wünschen sie, „dass so¬ 
wohl die Zunftverfassungen als auch die übrigen Verfassungen, 
welche zu dem gemeinen Wohle nützlich sind, beybehalten 
werden.“ 
Obwohl in einem Satze ausgesprochen, zerfällt diese 
Hauptforderung der Zünfte in zwei sich streng voneinander 
unterscheidende Teile: in 1. die Beibehaltung der „Zunft¬ 
verfassungen“ und 2. die Beibehaltung der „übrigen Ver¬ 
fassungen, welche zu dem gemeinen Wohle nützlich sind“. 
Die Formulierung dieser Forderung offenbart so recht 
das tiefere Wesen der Zunftauffassung. Nicht die Staatsver¬ 
fassung, sondern die „Zunftverfassung“ war den Handwerkern 
das Primäre. Im Geiste der Zunft wurden die künftigen Mit¬ 
glieder erzogen und ausgebildet, im Schutze der Zunft lebten 
und arbeiteten die Meister, von den Zunftfreunden begleitet 
wurden sie zu Grabe getragen und in der Kirche des Zunft¬ 
heiligen wurden für die Seelen der Verstorbenen Messen ge¬ 
lesen. Aber auch die Frauen und Kinder der Meister und Ge¬ 
sellen zählten zur Zunft. Sie nahmen ebenfalls innigen Anteil 
an Zunftfreud und Zunftleid. Wurde der Ernährer durch den Tod 
entrissen, so sorgten im Geiste christlicher Nächstenliebe die an¬ 
deren Zunftmeister und-gesellen für die Hinterbliebenen. Diese 
„heilige“ Zunftverfassung schien seit der Einnahme von Mainz 
durch die Franken gefährdet. Schon Freiherr von Albini hatte die 
Zunftmitglieder darauf aufmerksam gemacht, welche schwer¬ 
wiegenden Folgen die Besetzung von Mainz durch die Fran¬ 
zosen für das Zunftwesen haben könnte, und er hatte mit 
seinen Bedenken nicht unrecht. Den fränkischen Truppen 
folgte eine Unmasse französischer Handwerker und Arbeiter, 
die den Mainzer Zunftmeistern ihre nach der Abwanderung 
des Hofes, der Geistlichkeit, des Adels und des Militärs ver¬ 
bliebene Verdienstmöglichkeit noch verringerten.159) Die Ab¬ 
neigung der Mainzer gegen die angekündigte Freiheit erhöhte 
sich dadurch nur noch mehr und fand in der Forderung auf 
Beibehaltung der „Zunftverfassungen“ ihren ersten prägnanten 
Ausdruck. 
158) Gemeint ist hier der „Aufruf an das gedrückte Volk deutscher 
Nation”, 
ljH) Dumont: Belagerung S. 60. Klein: Geschichte S. 140.
	        
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