Volltext: Das Mainzer Zunftwesen und die französische Herrschaft

21 
Nach Ablauf der Lehrzeit, die bei den einzelnen Zünften 
verschieden dauerte, hatte der Lehrling bei einem ihm von 
dem Vizedomamt bestimmten Meister acht oder mehr Tage 
„auf Probe“ zu stehen. Der Meister musste dann ein „pflicht- 
mässiges Attest“ ausfertigen, und es wurde darin bescheinigt, 
„dass der Lehrjunge auf Prob gestanden, und dass der Meister 
zu Erkenntnis gekommen ist, dass derselbe sein Brot verdienen 
kann“.44) Dieser praktischen Prüfung folgte eine theoretische 
durch die Brudermeister und Geschworenen. Aus den noch 
vorhandenen Prüfungsprotokollen ist zu ersehen, dass den 
Kandidaten 8 bis 10 das Handwerk und seine Ausübung betref¬ 
fenden Fragen zur Beantwortung vorgelegt wurden. War der 
Lehrling „zunftordnungsmässig“ in der Lehre gestanden, war 
er „vorschriftsmässig“ geprüft und war ihm von der Zunft das 
Zeugnis einer „guten Aufführung“ ausgestellt worden, so ge¬ 
stattete das Vizedomamt auf Grund eines Gesuches den Jun¬ 
gen „als Gesell loszusprechen und ihm den Lehrbrief auszu¬ 
fertigen“. Die Lossprechung oder das „Freysagen“ fand wie¬ 
derum vor versammelter Zunft statt. Die „Lossprechungs¬ 
gebühren“ schwankten ebenfalls zwischen 20 xr. und 10 fl. 
Der grösste Teil wurde in die Lade gelegt, der Rest verteilt. 
Der ausgehändigte Lehrbrief musste besonders bezahlt werden. 
Die „bei Ausfertigung eines Lehrbriefes sich ergebenen Un¬ 
kosten“ bewegten sich zwischen 48 xr. und 12 fl. 45 xr. 
Nur in den seltensten Fällen befreite die kurfürstliche 
Regierung von einem Teil der Lehrzeit oder von der Gesellen¬ 
prüfung. 
Mit dem „Freysagen“ rückte der Lehrling auf. Er wurde 
Gesell und war nun viel enger mit der Zunft verbunden als 
seither. Die Gesellen bildeten innerhalb der Zunft die „Ge¬ 
sellenschaft“, deren Aufbau durch besondere obrigkeitliche 
„Artikel und Punkte“40) geregelt war. Bei seiner Aufnahme in 
die Gesellenschaft musste der Gesell eine Aufnahmegebühr 
entrichten. Ausserdem hatte er einen „silbernen Schild an den 
Credenz“4fi) machen zu lassen. 
Unter dem Vorsitz des „Ladengesellen“, der von der 
„ehrbaren Gesellschaft“ bei der ordentlichen Auflage gewählt 
worden war, und in Gegenwart des „Herrn Vatters und Bei¬ 
sitzers“ fanden die Gesellengebote statt. Sogar bei gewissen 
Meistergeboten waren die Gesellen zum Erscheinen ver¬ 
pflichtet. „Mit entdecktem haubt“ mussten sie „bey offener 
Ladt sitzen.“ Wer fluchte oder sonst eine Unhöflichkeit be- 
44) M. St. 21/108. 
4‘) Anlage 2. 
4B) Anlage 2, Artikel 10.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.