Full text: Logik

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Die Lehre vom Urteil 
also ihr Subejektsgegenstand, und die sprachlich unausgedrückten, aber 
notwendig mitzudenkenden Begriffe, die diese Wirklichkeitsstelle meinen, 
sind daher die Subjektsbegriffe der beiden Urteile. An dieser Wirklichkeits- 
stelle hat man dann nicht eine Eigenschaft oder eine Tätigkeit irgendeines 
Dinges, sondern die in dieser Stelle vorhandene Temperatur respektive das in 
ihr stattfindende Geschehen des Regnens aufzusuchen, um die Gültigkeit 
der Urteilsprädikation zu prüfen. Denn dies war eben fraglich, ob es in der 
betreffenden Wirklichkeitsstelle tatsächlich kalt ist und tatsächlich regnet. 
Die Begriffe »kalt« und »regnen« sind daher in den beiden Impersonalien 
die Prädikats- und nicht die Subjektsbegriffe. 
Die Deutung, die wir hiermit den Impersonalien gegeben haben, ist also 
nicht nur eine mögliche unter anderen gleich möglichen, sondern sie allein 
trifft den Normalsinn jener Sätze und sie ist die einzige, die den Imperso¬ 
nalien ihre eigentümliche Besonderheit beläßt. Denn diese ihre Eigentüm¬ 
lichkeit besteht eben darin, daß diese Urteile durch ihre Prädikatsbegriffe 
die Prädikatsbestimmtheiten zwar begrifflich in Eigenschaftsform oder 
Tätigkeitsform fassen, aber sie dann sachlich nicht als Eigenschaften oder 
Tätigkeiten setzen und kein Ding als Subjektsgegenstand setzen, denen sie 
als Eigenschaften oder Tätigkeiten zukommen könnten. Sie entwerfen also 
eigentümliche Sachverhalte. 
Den Urteilen, die in den Impersonalien oder subjektslosen Sätzen zum 
Ausdruck gebracht werden, fehlt also durchaus nicht der Subjektsbegriff. Sie 
bestehen vielmehr, wie alle anderen Urteile, aus drei Gliedern, nämlich 
dem Subjektsbegriff, dem Prädikatsbegriff und dem doppeltfunktionierenden 
Kopulabegriff. Die allgemeine Formel des Urteils »S ist P« gilt daher in 
ihrer echten logischen Bedeutung, wie wir sie oben auseinandergesetzt haben, 
auch für die Impersonalien. Die Einwände, die aus dem mißverstandenen 
Sinn sowohl der Existenzialurteile als auch der Impersonalien gegen die 
allgemeine Urteilsbestimmung noch erhoben werden konnten und auf die 
wir damals vorausdeuteten, sind damit jetzt beseitigt. Die notwendigen 
und hinreichenden Bestandteile eines Urteils überhaupt sind und bleiben 
also die drei Begriffe: der Subjektsbegriff, der Prädikatsbegriff und der 
doppeltfunktionierende Kopulabegriff. 
Das Wesen des Urteils überhaupt wird nun noch weiter aufgehellt wer¬ 
den, wenn wir im folgenden den Wahrheitsanspruch, der jedem Urteil 
wesentlich innewohnt, genauer betrachten. Wir wenden uns daher im näch¬ 
sten Kapitel wieder dem Urteil und speziell seinem Wahrheitsanspruch zu.
	        
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