Full text: Grundlegung der Dialektik

VIII. Dogma und Kritik. 
Vorbemerkung1). 
In dem Augenblick, in dem ich mich anschicke, die im Thema 
angekündigten Gedanken zu entwickeln, fällt mein Erinnern na¬ 
türlicher- und begreiflicherweise auf einen überaus schweren Ver¬ 
lust, von dem unsere Wissenschaft unlängst betroffen worden ist. 
Denn sobald wir statt des Namens des heiligen Thomas diejenige 
philosophische Richtung einsetzen, die dieser große mittelalterliche 
Denker in klassischer Entschiedenheit vertrat, nämlich die Richtung 
der Ontologie und des Dogmatismus, so ergibt sich deutlich, daß 
ich mit jenem schmerzlichen Hinweis keine andere Einbuße im 
Auge habe als diejenige, die die Philosophie durch den Tod Max 
Schelers erlitten hat. In ihm ging der Philosophie nicht bloß im 
allgemeinen einer ihrer fruchtbarsten Führer dahin, sondern Max 
Scheler war im besonderen als einer der wesentlichsten und ein¬ 
drucksvollsten Vorkämpfer und Anwälte für die Wendung zur 
Ontologie anzusehen. Daß für die Philosophie der Gegenwart 
gerade diese Wendung von charakteristischer und nicht zu unter¬ 
schätzender Bedeutung geworden ist, das verdankt sie in erster 
Linie Max Scheler, der dieser Entwicklung die Lebendigkeit und 
die Schärfe seines unermüdlichen Geistes lieh. Zwar steht er hier 
nicht allein. In dieser Wendung äußert sich sogar ein Vorgang, 
der keineswegs bloß geschichtlich bedingten Charakters ist. In ihm 
l) Diese „Vorbemerkung“ wurde anläßlich des Hinscheidens Max Schelers 
dem Vortrage vorangeschickt, den ich am 13. Juni 1928 in der Berliner Orts¬ 
gruppe der Kant-Gesellschaft über das Thema „Thomas von Aquino und Kant“ 
hielt. In einzelnen Partien deckt sich dieser Vortrag mit meiner Neapeler Fest¬ 
rede, zu der ich von dem geschäftsführenden Ausschuß des V. Internationalen 
Philosophischen Kongresses eingeladen worden war, und die ich im Rahmen der 
Veranstaltungen dieses Kongresses und der damit verbundenen Feier zum Jubiläum 
der Universität in Neapel am 9. Mai 1924 in der Aula der Universität Neapel 
hielt. Diese Neapeler Festrede bezog sich auf die 200. Wiederkehr des Geburts¬ 
tages Immanuel Kants und war diesem Ereignis gewidmet.
	        

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