Full text: Grundlegung der Dialektik

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VII. Die Erneuerung der Dialektik in der Gegenwart 
d. h. sie widmet sich unmittelbar und ausdrücklich der Untersuchung 
des methodischen Wertes und der philosophisch-systematischen Trag- 
kraft der Dialektik, wie z. B. bei Nikolai Hartmann und Jonas 
Cohn, oder aber die philosophische Forschung ruht sozusagen 
unmittelbar auf dialektischer Grundlage, arbeitet mit ihr als Richt¬ 
schnur und baut sich auf ihr auf, ohne diese Voraussetzung einer 
besonderen methodologisch-analytischen Klärung zu unterziehen, 
wie z. B. bei dem späteren Georg Simmel, bei Ernst Troeltsch, 
bei Theodor Litt oder schon vorher bei Wilhelm Dilthey. Daß 
gerade die dynamistische Lebensphilosophie Veranlassung hat und 
nimmt, der dialektischen Methode sich zu bedienen, ist begreiflich 
genug. 
2. Die Wendung zur Dialektik: 
Ihre Voraussetzungen und Motive und einige ihrer Hauptvertreter. 
Für die Wendung des Interesses zur Dialektik scheinen mir nun 
drei Ansatzpunkte maßgebend zu sein. Ihre Eigenart bedingt dann 
natürlich auch die besondere Form und Gestalt der von ihnen 
stammenden dialektischen Denkweise und die weitere Pflege der¬ 
selben. 
a) Von den Geisteswissenschaften und derTheorie 
derselben aus. 
Der erste, vergleichsweise wichtigste, weil einschneidendste und 
folgenreichste Antrieb kam von der Seite der Geisteswissen¬ 
schaften und von der methodologischen Beschäftigung 
mit der Grundlegung derselben. Die gewaltige Ausbildung 
der Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert ließ naturgemäß auch 
die Frage nach den methodischen Voraussetzungen dieser Wissen¬ 
schaften, nach dem Wesen ihrer Grundbegriffe und nach der ihnen 
eigentümlichen Erkenntnisart und Erkenntnisgeltung entstehen. Eine 
darauf eingestellte Erkenntnistheorie mußte zu der Einsicht führen, 
daß die traditionellen, in der Hauptsache durch das mathematische 
und mathematisch-naturwissenschaftliche Verfahren bestimmten 
Kategorien und Methoden, wie sie seit der Aufklärung und im An¬ 
schluß daran besonders durch den naturwissenschaftlichen Positivis¬ 
mus mit seiner Tendenz auf das Experiment und auf eine jeder 
Dialektik entzogenen Exaktheit zur Ausbildung gelangt waren, für 
die geisteswissenschaftliche Erkenntnis nicht dieselbe konstitutive
	        

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