Full text: Grundlegung der Dialektik

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VI. Die Dialektik der Metaphysik 
engen. Es gehört zum geistigen Bilde unseres Wesens, daß die unauf¬ 
hebbare Korrelation und die damit gegebene Spannung zwischen 
dem Absoluten und dem Relativen uns mit aller Schärfe bewußt 
geworden ist, und daß wir weder den einen noch den anderen Faktor 
unseres und alles Seins überhaupt in seiner Bedeutung preisgeben 
oder auch nur schmälern können. Gegenüber dieser Erkenntnis 
und den aus ihr fließenden Folgen hat es der Vertreter des em- 
piristisch-relativistischen Standpunktes oder derjenige des ab¬ 
solutistisch-metaphysischen verhältnismäßig leicht und bequem. 
Er hat es ebenso leicht wie beispielshalber der einseitige Rationalist 
oder der einseitige Irrationalist. Die unerträglichen Engheiten aller 
dieser Standpunkte und Betrachtungsweisen werden so schnell 
übersehen oder mit in Kauf genommen, weil sich von ihnen aus so 
einfach-einheitliche Welt- und Lebensanschauungen entwickeln lassen. 
Oft handelt es sich nur um Pseudo-Einheiten und um Pseudo-Einheit¬ 
lichkeiten. Aber schon der Eindruck der Einheit und Einheitlichkeit 
erweckt den Eindruck der Wahrheit und verführt zu der Ansicht, nun 
endlich das endgültige System der Metaphysik gefunden zu haben. 
Gerade auf unserem Gebiet kann das Mißtrauen gegen alle zu schnell 
aufgestellten Einheiten und gegen die Vertretung aller zu „einheit¬ 
lichen“ Standpunkte und Methoden nicht stark genug sein. Und wir 
müßten eigentlich gegen die Hingabe an solche „Einheitlichkeiten“ 
durch den Kursus des Denkens und Wertens, den wir unter der Führung 
der historischen Geisteswissenschaften durchgemacht haben, hin¬ 
länglich gewappnet sein. Das Suchen nach einer Einheitsformel zum 
Zweck der metaphysischen Deutung der Geschichte und das mensch¬ 
lich begreifliche Verlangen nach dem Besitz und der Anwendung 
einer solchen Formel dürfen mit der Problematik dieses Besitzes 
nicht verwechselt werden. 
Das Leben im Endlichen bedeutet Kampf, bedeutet das Er¬ 
fülltsein von Spannungen und Antinomien — ein Kampf, der nicht 
minder groß ist als derjenige, den wir Menschen dadurch in uns 
und für uns zu führen haben, daß wir sowohl am Unendlichen als 
auch am Endlichen teilhaben. Jenem erstgenannten Kampf ent¬ 
weichen, heißt aus dem Leben fliehen, heißt die Größe und die 
Schönheit des Lebens mißachten, heißt die Aszese ungebührlich 
höher achten als den Heroismus. Wer die traditionellen Einheits¬ 
formeln und Einheitsvorstellungen über das Wesen und den Wert des 
Seins und besonders des menschlichen Daseins mit gläubigem Ent¬ 
gegenkommen für sich annimmt, beweist und betätigt damit einen
	        

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