Full text: Grundlegung der Dialektik

2. Die Krisis der Metaphysik 
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2. Die Krisis der Metaphysik. 
Um eine umfassende und vorurteilslose Würdigung der Meta¬ 
physik zu erreichen, gilt es, zu beachten, daß für ihre Entstehung, 
für ihre Ausbreitung und für das Maß ihrer Geltung ohne Zweifel 
stets neben theoretischen und spekulativen Momenten auch „prak¬ 
tische“ Antriebe wirksam sind. In der Tiefe unseres Wesens waltet 
eine heimliche, bisweilen verschwiegene und halb unterdrückte, 
bisweilen in einer geheimnisvollen Unruhe sich entladende Lebens¬ 
angst, die zu den merkwürdigsten Grunderscheinungen des mensch¬ 
lichen Daseins gehört. Im Verlauf unseres ganzen Buches sind wir 
diesem Phänomen der Lebensangst wiederholt begegnet. Eine Unter¬ 
suchung ihres Wesens stellt eines der ergiebigsten und reizvollsten Kapi¬ 
tel der Phänomenologie des menschlichen Geistes dar. Und gerade eine 
Phänomenologie der Metaphysik darf diese Aufgabe nicht unbeachtet 
lassen (vgl. das Kapitel über die Metaphysik der Lebensangst, S. 265). 
Um nun von dieser metaphysischen Lebensangst frei zu werden, 
holt die listenreiche Vernunft des Menschen, oft unbewußt, die ver¬ 
schiedenartigsten Hilfsmittel herbei. Zu diesen Mitteln ist auch 
die Metaphysik zu zählen. Es ist nicht abwegig, auch sie wenigstens 
in einer Hinsicht als eine Waffe im Kampf des Lebens und im Kampf 
uni das Leben aufzufassen. Und die Metaphysik gewährt die er¬ 
hoffte Hilfe dadurch, daß sie die Wirklichkeit als eine vernünftige 
Einheit zu beweisen sucht, die in ihrem Grunde und in ihrem ganzen 
Aufbau die Züge vernünftigen Geschehens zeigt. Eine solche meta¬ 
physisch-idealistische Verklärung der Wirklichkeit pflegt an der 
Befriedigung des allgemeinen menschlichen Bedürfnisses nach be¬ 
ruhigender Ordnung mitzuhelfen. Die metaphysische Erkenntnis, die 
die Herrschaft eines allmächtigen Vernunftprinzips betont, dient 
nicht bloß der Beantwortung theoretischer Fragen, sie hilft auch in 
einem nicht gering zu veranschlagenden Grade der Beschwichtigung 
moralischer Sorgen und Konflikte und weltanschaulicher Nöte. In¬ 
dem die Metaphysik der Befriedigung des menschlichen Harmonie¬ 
bedürfnisses dient, das oft in sehr energischer Weise durchbricht, 
erweist sie der menschlichen Sehnsucht und der geschichtlichen 
Kultur eine nicht geringe Hilfe. Sie übt in dieser Beziehung so 
etwas wie eine religiöse Funktion aus. Das geschieht besonders in 
denjenigen Zeitaltern oder bei denjenigen Geschlechtern, die sich 
der Naivität und Unmittelbarkeit des religiösen Glaubens ent¬ 
fremdet und mit spiritualistischen Neigungen erfüllt haben.
	        

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