Full text: Grundlegung der Dialektik

12 
Einleitung 
etwa nur die ausgesprochenen „Systematiker“, deren Systemsucht so 
oft die überwiegende Schuld an der Vereinfachung und Entleerung, 
an der Nivellierung und Verengung der Probleme beigemessen wird. 
Denn was wir soeben in bezug auf die Notwendigkeit apriorischer 
Synthesen andeuteten, das gilt mit nicht minderem Rechte auch 
für die Notwendigkeit der Verwendung des Systemgedankens. Ist 
doch im höchsten Sinne dieser Systemgedanke die eigentlich grund¬ 
legende apriorische Synthese, ist er doch die Idee aller dieser Syn¬ 
thesen überhaupt, die für jede philosophische Leistung schlechthin 
unentbehrlich ist. 
Wenn wir hier gegen Hegel, bei aller tiefen Anerkennung seiner 
Größe als Dialektiker, dennoch den Vorwurf wagen, daß er die 
urwüchsige Kraft der Dialektik nicht zu voller Entfaltung gelangen 
ließ, sondern vorzeitig eingedämmt und harmonisiert habe, so erfolgt 
jener Einwand also keineswegs im Hinblick auf seine vielleicht zu 
leidenschaftliche Vorliebe für die Idee des Systems und auf die nicht 
selten etwas harte Durchführung dieser Idee. Der Einwand besitzt 
seinen Grund in der Erkenntnis, daß Hegel das Denkinstrument 
der Dialektik im Dienste einer vor- und überdialektischen Grund¬ 
überzeugung verwendet hat, die auf die innere Gewalt der Dialektik 
und auf ihre ungehinderte Entladung allzu mildernd und ausgleichend 
eingewirkt hat. Es ist schwer, das Wesen dieser Grundüberzeugung 
mit einfachen Worten zu kennzeichnen, weil dadurch wieder in die 
dünne Luft der Begriffe eine seelische und metaphysische Grund¬ 
verhaltungsweise emporgehoben wird, die vor und jenseits aller Be- 
grifflichkeit wirksam ist. Soll sie trotzdem in ihrem Charakter um¬ 
schrieben werden, so wäre wohl am besten ein Ausdruck aus der 
Erlebniswelt der Religion und aus der Gedankenwelt der Theologie 
zu gebrauchen und von der Grundstimmung der Erlösungshoffnung 
und der Erlösungsgewißheit als maßgebende Regulative für die Hegel- 
sche Begriffsbildung zu sprechen. Wir werden im Verlauf unserer 
Darlegungen bei der Erörterung des Wesens der Hegelschen Dialektik 
noch mehrfach Gelegenheit nehmen, auf diese religiöse Grundstim¬ 
mung des Philosophen unseren Blick zu werfen und der charakte¬ 
ristischen Abschwächung zu gedenken, die durch diese Stimmung 
der Freiheit der Dialektik und der Dialektik der Freiheit zuteil wird. 
Die Harmonie in der Dialektik ist zu stark, als daß gegen sie die Dia¬ 
lektik in der Vernunft aufkommen und ihre Autonomie durchsetzen 
könnte. Das heißt: Hegel treibt die Vernunft nicht bis in die Höhe 
eines letzten, heroischen und tragischen Wagnisses. Ihr Sieg bleibt
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.