Full text: Grundlegung der Dialektik

300 
V. Hauptformen der Dialektik 
weise, hat ihre Voraussetzung einmal in der Ablehnung der mathe¬ 
matisch-naturwissenschaftlichen Methodik für die Erkenntnis der 
geschichtlichen Welt. Denn nichts schien für diese Erkenntnis un¬ 
geeigneter, ja, ihr geradezu widersprechender als die Anwendung 
der kausalgesetzlichen und statischen Methode mit ihrem angeblich 
starren, unlebendigen, aphoristischen Begriffsapparat, in dem von 
der Bewegtheit und Geschichtlichkeit des historischen Lebens so 
nichts zu bleiben schien. Dagegen war die historistische Methode 
mit all den in ihr wirksamen Tendenzen der Einfühlung, des Mit- 
und Nacherlebens und gemütvollen Verstehens eine scheinbar vor¬ 
treffliche Hilfe, die man nicht verschmähen zu dürfen glaubte, selbst 
nicht um den Preis des Relativismus. Wahrscheinlich galt dieser 
Relativismus sogar als Ausweis für das Recht des Historismus; 
denn eben dadurch spiegelte er in seiner Struktur den eigentüm¬ 
lichen Relativismus des geschichtlichen Lebens deutlich wieder. 
Allerdings: Erkannt und betont war damit erst die sozusagen sub¬ 
jektive Seite der Dialektik, die sich in der geschichtlichen Bewegt¬ 
heit spiegelte, jedoch noch nicht ihre begriffliche, ihre kategoriale, 
ihre systematische. Doch gebührt Dilthey die stark zu unter¬ 
streichende Anerkennung, daß er wie kein anderer Geschichts¬ 
theoretiker und Geschichtsphilosoph seiner Zeit uns das Auge 
für die Dialektik des geschichtlichen Lebens und für die Dialektik 
des geschichtlichen Erkennens geöffnet hat. 
War das also bereits ein gewaltiger Fortschritt gegenüber allem 
bloßen Positivismus, der ja auch in der Erkenntnis der geistigen 
Welt jahrzehntelang geherrscht hatte, so kommt hinzu, daß die 
historische Forschung erst viel reicheres Material und die Erkenntnis¬ 
theorie der Geisteswissenschaften erst viel tiefere Einblicke in die 
schöpferischen Voraussetzungen dieser Wissenschaften erbringen 
mußten, bevor an eine Systematik der Dialektik zu denken war und 
bevor die Dialektik zu systematischer Durchführung gebracht 
werden konnte. Auch in diesem Falle mußte es so sein, daß in 
seelischer Hinsicht das Erleben und in historischer Hinsicht die 
Materialsammlung der Systematik voraufging. Daß die Dialektik 
zunächst erlebnismäßig genommen wurde und ihre Rechtfertigung 
und Anerkennung im Erleben fand, entsprach durchaus dem dama¬ 
ligen Stande der Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften; wurde 
diese doch im subjektivistischen Geiste betrieben. Eine solche Auf¬ 
fassung ist aber ferner begreiflich als Niederschlag des seelischen Ein¬ 
druckes, den die angelegentliche, sozusagen übertheoretische, von
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.