Full text: Grundlegung der Dialektik

2. Das intellektuelle Motiv 
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brachte ihn dazu, die Behauptung bzw. die Forderung auszusprechen, 
daß die Aufgabe und die Möglichkeit der Philosophie in der ab¬ 
schließenden Zusammenfassung der Ergebnisse der positiven Wissen¬ 
schaften begründet sei. Diese Behauptung hat vielfaches Aufsehen 
und vielfache Zustimmung gefunden. Sie galt, als sie vor etwa 
fünfzig Jahren ausgesprochen und bekannt wurde, als eine Art von 
Rettung der Philosophie, als die Aufdeckung ihrer Notwendigkeit 
und ihres Rechtes. 
Kann ihr wirklich nachgesagt werden, daß sie für die Erreichung 
dieses Zweckes geeignet ist? Wer bestimmt die Zeit und die Ge¬ 
legenheit für die Inangriffnahme einer solchen Zusammenfassung? 
Wodurch kann ihr eine auch nur relative Geltung verbürgt werden? 
Besteht nicht für sie die fortwährende Gefahr eines Überholtseins 
schon in dem Augenblicke, in dem bloß zu dem Entwurf für sie 
ausgeholt wird? Und blicken wir nun auf Wilhelm Wundt selber 
hin, so wird deutlich, daß er seinen Plan in dem ganzen beabsichtigten 
Umfange nicht zur Ausführung gebracht hat. Das soll keine Herab¬ 
setzung seiner Leistung sein, die nach Gehalt und Reichweite die 
höchste Anerkennung verdient. Aber er vermochte seinen Plan 
beim besten Willen auf Grund des Widerstandes objektiver Instanzen 
nicht zu verwirklichen. Denn welcher Kopf ist stark genug, welche 
Arbeitskraft reicht aus, um bei der gegenwärtigen Wissenschaftslage 
die Idee einer philosophischen Enzyklopädie restlos und mit vollem 
Gelingen zu Ende zu führen? Wundt selber kam von den Natur¬ 
wissenschaften her, besonders von der Physiologie. Und die Eigen¬ 
heiten dieser Vorbildung, durch die er nur einen Teilbezirk des 
Wissens seiner Zeit umspannte, machen sich auf allen Blättern 
seiner Werke deutlich geltend. Beim Studium und bei der Würdi¬ 
gung seiner großen Leistung zeigt sich deutlich, daß er dem Bereiche 
der eigentlichen geisteswissenschaftlichen Arbeit ferngestanden hat, 
die Autonomie und Unvergleichlichkeit ihres Wesens nicht hinläng¬ 
lich durchschaute, und daß er auch da, wo seine auf Systemati¬ 
sierung hindrängende Neigung sich der Beschäftigung mit jenem 
Problemgebiet zuwendete, doch immer wieder in vorherrschend natur¬ 
wissenschaftlich gearteten Kategorien dachte.- 
b) Wie aber kann dann die Beziehung zwischen dem meta¬ 
physischen Rationalismus und den positiven Wissenschaften ge¬ 
dacht werden, und wie kann diese Beziehung tatsächlich geartet 
sein, wenn hinter den Versuch einer enzyklopädischen Zusammen- 
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