Full text: Grundlegung der Dialektik

3. Haupttypen der Einwände 
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Opposition vielleicht nur gegen eine Regung und gegen ein Ver¬ 
langen an, die ihm „unzeitgemäß“ erschienen, und deren Befriedigung 
ihn in einen von ihm peinlich empfundenen Widerspruch zu dem 
Geist seines Zeitalters versetzt haben würde? Oder endlich: Sollten 
vielleicht die Eigenart seines Schicksals und die Größe seiner Tragik 
darin sich bekunden, daß er sich der Hingabe an den metaphysischen 
Trieb verschloß und die Nachgiebigkeit gegen ihn als einen un¬ 
entschuldbaren Rückfall in den Zustand eines grauen Atavismus 
fürchtete, während er die Kraft zur metaphysischen Spekulation in 
sich wirksam fühlte und die Berechtigung zu einer solchen Spekula¬ 
tion innerlich nicht verkannte? Ein europäisches Verhängnis offen¬ 
bart sich in dem Ausbruch von Nietzsches Geisteskrankheit. Er 
verfiel ihr in jenen Jahren, in denen er und seine Zeit begannen, für 
die Wendung zur Metaphysik reif zu werden und die Notwendigkeit 
dieser Wendung nicht bloß durch eine gerechtere Würdigung der 
Metaphysik, sondern zugleich durch das Bekenntnis zu ihr und 
durch eine Arbeit in ihrem Dienste zu erhärten. Ist der Philosoph 
des „Willens zur Macht“ nicht ein Metaphysiker? Wir müssen diese 
Frage bejahen. Im Gegensatz zu Nietzsche, der in der Aufstellung 
dieses Prinzips vor allem nur die Zusammenfassung und den Nieder¬ 
schlag seiner biologischen und entwicklungsgeschichtlichen Erkennt¬ 
nis sah, dabei aber außer acht ließ, wie groß der Beitrag ist, den 
seine philologisch-historischen Studien für die Konzeption seines 
„Biologismus“ und „Evolutionismus“ geliefert haben. 
Hier stehen wir nun wohl an demjenigen Punkte, der Nietzsches 
Gegnerschaft gegen die Metaphysik, soweit er dieser Feindschaft 
förmlichen Ausdruck verlieh und ein Recht zu ihr zu haben glaubte, 
begreiflich macht. Der positive und positivistische Biologe und 
Kulturhistoriker in ihm und besonders die aus seinem Verhältnis zu 
den genannten Wissenschaften sich ergebende und hervorgegangene 
und von ihm so gern hervorgehobene „realistische“ Geisteshaltung 
mußten ihm jedes ausdrückliche Bekenntnis zur Metaphysik verbieten. 
Aber dieses Verbot entsprach nichtseinen Taten; es beruhte auf einer 
Selbsttäuschung und war unter dem Drucke einer Wissenschafts¬ 
tendenzformuliert, die Nietzsche als Historiker und als Biologe zwar 
auch wirklich vertrat, die jedoch weder die Tiefe seiner Begabung 
berührte und umspannte, noch seine Leistung auf dem Felde der 
Metaphysik verhindern konnte. 
Doch wie dem auch sein mag und welches Verhältnis Nietzsche 
wirklich zur Metaphysik hatte, jedenfalls lassen die Äußerungen der 
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