Full text: Grundlegung der Dialektik

3. Haupttypen der Einwände 
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brauch mit den Erfahrungsprinzipien, z. B. mit der Substanzidee, 
dem Kausalitätsgedanken usw.; er entfremdet sie ihren eigent¬ 
lichen Zwecken, nämlich denen, erfahrungsbegründend zu sein, und 
übt mit ihnen den Unfug einer transzendenten Spekulation, zu 
denen weder sie noch überhaupt irgendein Denkprinzip aus¬ 
reichen. — 
Alle diese Einwände Langes gegen die Metaphysik sind nicht 
neu, sie sind von fast allen Anhängern der ersten Stufen des Neu¬ 
kantianismus ausgesprochen worden und klingen immer wieder an 
unser Ohr. Nun aber hat Lange noch einen Einwand gemacht, der 
unsere Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße in Anspruch nimmt, und 
dem eine gewisse Originalität eignet. Die Metaphysik verfälscht das 
Bild der Wirklichkeit, und diese Verfälschung ist als Unmoralität 
zu brandmarken; sie greift die Grundlagen unserer geistigen Existenz 
an und macht die Menschen, die sie von Berufs wegen ausüben sowie 
diejenigen, die dieser Verfälschung anhängen und in ihr eine geistige 
Großtat erblicken, zu Betrügern. Gegenüber den metaphysischen 
Erdichtungen des absoluten Idealismus, die sich anmaßen, in das 
Wesen der Natur einzudringen und aus bloßen Begriffen zu be¬ 
stimmen, was uns nur die Erfahrung lehren kann, ist sogar „der 
Materialismus als Gegengewicht eine wahre Wohltat“. 
Es ist leicht einzusehen, daß Langes Verhältnis zur Metaphysik 
in ausschlaggebender Weise durch den von uns schon mehrfach 
hervorgehobenen Positivismus und Relativismus beherrscht wird, 
der für seine Zeit bezeichnend ist, und der sich auf allen Gebieten 
der Kultur sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst (Be¬ 
ginn des Naturalismus) und nicht zuletzt auch im Reiche der Politik 
(Bismarcks Realismus) als der gemeinsame Grundzug der geistigen 
Haltung bekundete. Friedrich Albert Lange war weit davon ent¬ 
fernt, ein Anhänger und Befürworter des Materialismus zu sein. Er 
erkannte die Unzulänglichkeit und Haltlosigkeit der materialistischen 
Weltanschauung, die besonders den religiösen Bedürfnissen nicht 
hinlänglich Rechnung zu tragen vermöge; er lehnte den Atheismus 
von David Friedrich Strauß auf Grund überlegener Einsicht in die 
Unausrottbarkeit der religiösen Sehnsüchte des Menschen ab. Er 
war ferner, wie die wundervolle Schilderung seiner Persönlichkeit 
und seines Lebens durch Hermann Cohen zeigt, als Mensch, als 
Politiker ein reiner und hehrer Idealist, der auch in der Entstehung 
der modernen Arbeiterfrage nicht bloß ein soziologisch-kapitalisti¬ 
sches, sondern ein ethisches Problem erkannte und die Bewegung 
Liebert, Dialektik. 6
	        

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