Full text : Der Mensch und die Welt

Wollen  und  Handeln

81

Wer  ist  denn  „Ich“?  Ist  das  etwa  der  merkwürdige
Körper,  den  ich  „meinen  Leib“  nenne?  Dieser  Körper,  der
sicherlich  aus  Materie  besteht,  denn  er  wiegt  ja  soundso
viele  Pfund  und  kann  stoßen  und  gestoßen  werden,  der
auch  sicherlich  zu  den  organischen  Körpern  gehört  und
in  den  Affenleibern  seine  nächsten  zoologischen  Verwandten
  hat:  Ist  er  das  „Ich“?  Das  ist  doch  wohl  nicht
der  Fall.  Wäre  es  der  Fall,  so  würde  ich  ihn  wohl  nicht
„meinen“  Leib  nennen;  denn  das  soll  doch  wohl  andeuten,
daß  er  mir  „gehört“,  daß  er  mein  „Besitz“  ist,  daß  ich
ihn  „habe“.
Aber  wer  ist  denn  Ich?  Es  gibt  Philosophen,  die  uns
sagen,  das  Ich  gebe  es  gar  nicht;  „Ich“  werde  nur  die
Summe  aller  meiner  Erlebnisse  und  meines  gesamten  Gedächtnisvorrates
  genannt.  Aber  hier  hat  sich  ja  wieder
das  Wörtchen  „mein“  eingeschlichen,  das  auch  hier  wieder
auf  einen  Besitz,  auf  ein  Zugehören,  auf  ein  Haben  hinweist.
  Man  will  das  Ich  nicht,  und  es  kommt  doch  immer
wieder  zum  Vorschein.  Sollte  das  unvermeidlich  sein?  Und
was  heißt  denn  „Ich“?
Nun,  die  Antwort  ist  ganz  einfach,  wenn  man  einmal
mit  der  Überlegung  zu  Ende  gekommen  ist.
Ich  heißt  nämlich  —  Ich;  und  wer  das  nicht  versteht,
dem  kann  nicht  geholfen  werden,  dem  kann  man  ebensowenig
  etwas  erklären,  wie  man  dem  Farbenblinden  klarmachen
  kann,  was  rot  und  grün  ist.
Ich  bin  Ich.  Ich  bin  der,  welcher  alles  bewußt  „hat“,
seine  Erlebnisse  und  seinen  Gedächtnisvorrat  und  seinen
Leib,  und  der  auch  zugleich  darum  weiß,  daß  er  das  alles
hat.  Oder  in  ganz  strenger  Sprache:  Ich  bin  der  sich  selbst
wissende  Bezugspunkt  alles  Habens;  der  sich  selbst
wissende,  wohlverstanden,  nicht  ein  leerer  logischer
Schatten.
Ähnliches  haben  wir  schon  auf  S.  38  gelernt.
Wir  haben  nun  vor  kurzem  die  Frage  aufgeworfen:  Wer
will  und  wer  handelt?  Die  Frage  scheint  jetzt  erledigt  zu
sein.  Dieser  „wer“  ist  doch  wohl  Ich  in  dem  jetzt  klar
festgelegten  undefinierbaren  Sinne?

6  Driesch,  Der  Mensch  und  die  Welt
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.