Full text: Unter den Brücken der Metaphysik

einander widersprechen, dienen nur dazu, uns wieder zur Frage zu¬ 
rückzuführen. So bleibt alles in der Schwebe. Und so soll es auch 
sein. Bayle ist deshalb durchaus bereit, das Geheimnis zu verehren, 
vorausgesetzt, daß er seine Fragen — da sie keine Antwort finden — 
unaufhörlich von neuem stellen kann. 
Man wird folglich mit den Fragen nie zu Ende kommen. Schlage 
jedes beliebige Buch auf: du wirst darin stets auf Fragen stoßen, 
die sich letztlich an Gott richten. So ist die ganze menschliche Ge¬ 
schichte nichts als eine fortwährende Frage an das unbegreifliche 
Wesen, und Gott entzieht sich ihr. Die Antwort, das ist das Ge¬ 
heimnis. 
Lernen wir zu fragen, ohne eine Antwort zu erwarten! Logik, 
Gewißheiten, Systeme sind Gottes Sache. Unser ist das Absurde, 
die Ungewißheit, das Chaos. Beides kann nicht Zusammenkommen. 
Das Absurde ist unsere Heimat. Lernen wir es, in ihr zu wohnen 
und uns in ihr wohl zu fühlen. 
Man muß also der Frage treu bleiben können und darf sie nicht 
den Antworten opfern, die jetzt oder künftig dieser oder jener 
Denker glaubt gefunden zu haben. Jede Antwort finde wieder die 
Frage, die sie aufhebt! Stellen wir Antworten gegen Antworten, 
damit alles wieder ungewiß werde! Lernen wir, das Absurde zu 
lieben, und daß die Bitten, die wir an den geheimnisvollen Gott 
richten, Fragen sind, die ohne Antwort bleiben. 
Bayle beschuldigt Gott nicht, er bringt ihn in Verlegenheit. Gott 
rechtfertigt sich nicht, er entschuldigt sich. Das ist der Triumph 
Bayles, daß Gott genötigt ist, sich zu entschuldigen. Wenn er also 
zu Gott sagt: Ich verstehe nicht, so sagt er es mit maliziöser Be¬ 
scheidenheit. In Demut treibt er sein Spiel mit Gott. Die Demut ist 
Teil seines Spiels. »Herr, erkläre Dich! Deine Erklärungen, so wie 
sie uns die Theologen berichten, erscheinen mir recht wirr und ein 
bißchen widersprüchlich ...« So scheint es um Gott schlecht zu 
stehen. Aber alsbald nimmt Bayle das Gesagte zurück. Unser Ver¬ 
stand ist natürlich viel zu schwach, um Dich zu begreifen. Und 
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