Full text: Unter den Brücken der Metaphysik

habe Schwächen? Ich habe euch ja gesagt, daß wir völlig absurd 
und unvernünftig sind. Nun macht Bayle sich ganz klein. Es liegt 
selbstverständlich nur an uns, wenn wir die Dinge nicht besser 
verstehen. Das kommt also beim Argumentieren mit Vernunft¬ 
gründen heraus! Künftig werde ich den Mund halten! 
Aber das Schweigen dauert bei Bayle nie sehr lange. Er fängt erst 
recht wieder an, mit Vemunftgründen zu argumentieren und Gott 
mit Fragen zuzusetzen. »Wir sagten also ... Ich habe gerade bei 
einem Kirchenvater gelesen ... Ein jansenistischer Theologe behaup¬ 
tet ... Aber ein jesuitischer Theologe sagt genau das Gegenteil, 
und alle beide berufen sich auf Deine unendliche Weisheit. Ich 
komme also zu Dir, damit Du mir sagst, wie es sich verhält ... 
Aber ich höre doch auf Dich, ich bin nur ein armer Sterblicher, und 
Du allein begreifst Dich. So habe ich gewiß Unrecht daran getan, 
Dich zu befragen. Ich verspreche Dir, daß ich mich künftig davor 
wohl hüten werde ... Aber bevor ich mich in ehrfürchtiges Schwei¬ 
gen zurückziehe, gestatte mir bloß noch eine letzte Frage ... Ich 
habe irgendwo gelesen ...« Und alles fängt von vorne an. 
Bayle ermüdet Gott. Unterbricht er die Diskussion, dann nur, um 
sie je nach dem Gang seiner Lektüre wieder aufzunehmen. Er legt 
das Werk, das er gerade gelesen hat, nieder und bittet Gott, ihm zu 
erklären, wie das und das Ereignis, das er sich in sein Lexikon 
notiert hat, unter seiner Herrschaft geschehen konnte. — Was tatest 
Du Herr, als ... ? 
Er versteht es jedoch, den großen Auseinandersetzungen mit Gott 
aus dem Weg zu gehen, denn sie könnten im einen oder anderen 
Sinne der Diskussion ein Ende setzen. Kommt es zum entscheiden¬ 
den Punkt, so zieht er sich vorsichtig zurück. Von neuem vertieft 
er sich in seine Lektüre. Dann hebt er plötzlich wieder den Kopf 
und sucht Gott, um ihn wegen einer bestimmten Stelle zu befra¬ 
gen. Übrigens nur beiläufig, dann nimmt er seine Lektüre wieder 
auf. 
Gott wird mit Bayle nie fertig. Denn dessen Neugierde hört nie auf. 
Er ist ein Frager, der ständig auf der Suche nach neuen unvor¬ 
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