Full text: Unter den Brücken der Metaphysik

CAROLUS BOVILLUS 
Die Erde fordert ihren Gott 
Jahrhunderte hindurch der Herr des Alls, sah Gott, wie in der 
Renaissance sich vor ihm der Mensch erhob — auch er göttlichen 
Wesens — und seinen Anteil an der Herrschaft über diese Welt 
forderte. Gott wird Schritt für Schritt in seinen Himmel zurück¬ 
gedrängt, wo er — ohne sich noch um die Dinge hiernieden küm¬ 
mern zu müssen — in ewiger Seligkeit lebt, um sich den Chor der 
Engel. Oder aber erhebt er sich in die überhimmlischen Regionen 
der Unendlichkeit und lebt dort in ewiger Einsamkeit, allein mit 
sich, und wird — da er der Einzige ist, der sich kennt — zum unbe¬ 
kannten Gott, von dem die Erde nichts weiß. Dann wird der 
Mensch die Herrschaft über die sublunare Welt übernehmen, aus 
der Gott sich zurückgezogen hat. Homo Dens in terris, sagt Ficino. 
Die Erde fordert ihren Gott. 
So ist ein neuer Gott-Mensch geboren, der all seine Würde von 
dieser Erde hat. Die florentinische Kunst hat ihn angekündigt, und 
Ficino und Pico della Mirandola haben sein Lob gesungen. Aber 
erst in der Metaphysik des Bovillus, des großen Denkers der fran¬ 
zösischen Renaissance, scheint sich der neue Mensch seiner selbst voll 
bewußt zu werden. 
Der Engel und der Mensch 
»Gott hat zwei Arten von Verstand geschaffen: den Verstand der 
Engel und den menschlichen Verstand. Der eine ist reiner Intellekt, 
ruht in sich selbst und ist von allem getrennt, der andere ist mit 
dem Leib und der Materie verbunden.« (De Intellectu) 
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