Full text: Unter den Brücken der Metaphysik

Da schwiegst du dann, o meine Seele, du kamst dir arm vor in 
deinem Reichtum und von allem entblößt in deinem Überfluß. 
Tausend Stimmen hatten dich gerufen und zu dir gesagt: ich gehöre 
dir. Hierhin und dorthin warst du gegangen und hast geliebt, was 
sich deinen Blicken bot. Und du hattest die Zeiten durchschritten 
und geglaubt, du könntest besitzen, was fortgeht und sich im 
Nichts verliert. Auf dem Weg aber hieltest du unruhig den Schritt 
an. Tausend Phantome quälten dich von allen Seiten und trugen 
dich weit von dir weg. Was du zu besitzen glaubtest, besitzt dich, 
führt dich hinweg, wohin du nicht gehen wolltest, und raubt dich 
dir selbst. Wo bin ich denn selbst, fragtest du, und niemand war 
da, dir Antwort zu geben. Du kehrtest zu dir selber zurück und 
sagtest zu dir: ich werde mich selbst nicht mehr verlassen, damit 
ich mich nicht in dem verliere, was nicht ich bin. Ich werde in mir 
selbst wohnen und nichts wird mich mehr von mir selbst ablenken 
können. Warum soll ich draußen suchen, was ich in mir selbst nicht 
finden kann, da ich doch in mir denke und liebe, was ich draußen 
sehe? 
Du hast Recht gehabt. Bist du nicht besser als alles, was du siehst, 
du, die es sieht? Betrachte die Gestirne in all ihrem Glanz! Sie sind 
groß und schön, aber bist du nicht schöner und größer? Wer sieht 
sie denn, wer unterscheidet sie, wer mißt sie, wer sagt zu ihnen: 
»Ihr seid oder ihr seid nicht?« Wer liebt sie denn, wer preist ihre 
Schönheit? Zeige mir den, der sie sieht! Bist nicht du es, die sie 
sieht und selbst unsichtbar ist? Bist nicht du es, die sie denkt? 
Sieh' die aufgehende Sonne an! »Wie langsam sind die Bewegungen 
der Sonne neben der Geschwindigkeit deines Denkens! In einem 
Augenblick vermochtest du zu denken, was die Sonne tun wird: sie 
wird von Osten nach Westen gehen und schon erhebt sie sich mor¬ 
gen in einem anderen Teil des Himmels. Aber während dein Ge¬ 
danke all das vollzieht, ist sie zurückgeblieben und du hast schon 
den ganzen Weg durchlaufen.« (In Joannis Evangelium. Tractatus 
XX, 12) Wie bist du groß, meine Seele! Bist nicht du es, die alles 
denkt? Groß bist du, o meine Seele, die du alle diese Dinge denkst! 
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