Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

54 Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins 
den neueren Zeiten wurde es nötiger als je, diesen Unter- 
schied noch besonders zu betonen. Der gebildete Laie mußte 
in seine Schranken verwiesen werden. „St l’usage de distinguer 
l’ Eglise enseignante de celle qui croit ce qu’on lIui enseigne, est 
devenu plus commun de nos jours, c’est qu’'il a €t& necessaire 
d’opposer cette distinction & des erreurs nouvellement enfantees 
ou reproduites avec un nouvel acharnement‘‘ (87), heißt es in 
der Schrift eines Bischofs aus dem Jahre 1769. 
Wurde dieser Unterschied aber nun dem gebildeten Laien 
gegenüber in seiner ganzen Schärfe betont, so konnte es 
leicht dazu kommen — und es kam schließlich auch dazu — 
daß der gebildete Laie eben nur noch „Hörer‘“ war und als 
solcher nicht mehr irgendwelchen Anteil am Leben der Kirche 
nahm, sondern es schließlich den „„Meistern‘‘ überließ, sich 
mit den kirchlichen Angelegenheiten zu befassen. „‚Ils sont 
aussi l’Eglise, mais VEglise ecoutante‘“ (88), sagt ein Geist- 
licher in Bezug auf die Laien, Aber mögen die gebildeten 
Laien nun tatsächlich auf das hören, was die Kirche lehrt, 
öder der Lehre ihre Zustimmung verweigern, sie scheinen 
nun, so oft von der Kirche die Rede ist. diese immer mehr 
als eine Körperschaft zu betrachten, deren Leben und Wirken 
sich irgendwo anders abspielt, und die etwas in sich Isoliertes 
und vom übrigen Leben Getrenntes darstellt. Die wahren 
Vertreter dieser Körperschaft, die geistlichen Würdenträger, 
sind dazu da, zu predigen und den Glauben zu verteidigen. 
Das ist ihre Sache, nicht die des gebildeten Laien. Dieser 
hat im Grunde mit alledem nichts zu tun. 
‚Ich weiß,‘ sagt der Jesuitenpater Berruyer, „daß die 
Ungläubigen unseren berechfigten Vorwürfen dadurch zu ent- 
gehen meinen, daß sie mit spöttischer Miene, um besser ihre 
Schwächen zu verdecken, uns antworten, daß Leute unseres 
Schlages und unseres Berufes, kein Vertrauen verdienen, 
wenn es sich um religiöse Fragen handelt. Wenn wir die 
Religion verteidigen, übten wir nur unser Handwerk aus 
(denn so pflegen sie sich auszudrücken). Wir seien dafür be- 
zahlt, in salbungsvoller Weise zu reden und die Frommen zu 
spielen‘‘ (89). Mit solchen Äußerungen geben die Laien zu- 
nächst kund, daß sie sich wohl des Unterschiedes, der sie von 
den Geistlichen trennt, bewußt sind; aber sie gehen nun weiter: 
sie erklären einfach, die Religion sei üherhaupt Sache der
	        
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