Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

30 Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins 
Gewissen reden, ihm zeigen, daß er unrecht hat, daß seine 
fleischlichen Begierden ihn in die Irre geführt haben, ihn er- 
mahnen, doch an das zu denken, was seiner nach dem Tode 
wartet. Aber im Grunde ist es ja nicht mehr das Individuum, 
das „ungläubig‘“ geworden ist, sondern eben eine ganze Klasse, 
und wenn der Pfarrer diesen oder jenen der neuen Ungläubigen 
herausgreift, um ihm seinen Unglauben vorzuwerfen, so ist es 
nicht mehr das Individuum, das ihm Rede und Antwort steht, 
sondern eben die Klasse, der es angehört. 
Das Klassenbewußtsein rechtfertigt den Ungläubigen; er 
selbst braucht sich überhaupt nicht mehr zu rechtfertigen, da 
dieses Bewußtsein schon längst zu seinen Gunsten entschieden 
hat. Er sei ein Sünder, der sich schleunigst bekehren soll, sagt 
ihm der Pfarrer. Vielleicht, wenn er sich persönlich prüfte, könnte 
er es zugeben. Aber nimmermehr kann er zugestehen, daß die 
Klasse, der er angehört, als solche sündigt, und daß Gott sie 
verdammen wird, Die Prediger verstehen dies nicht. Sie sind 
voller Entsetzen, wenn sie sehen, wie diese Bürger in voller 
Gewissensruhe mit ihnen diskutieren, als wären sie sich keiner 
Sünde bewußt und könnten dem Tage des Gerichtes ohne 
jede Besorgnis entgegensehen. Sie verkennen, daß es sich gar 
nicht um Sünden handelt, für die sich das Individuum als 
solches verantwortlich fühlen könnte, sondern um gewisse 
Handlungsweisen und Überzeugungen, deren Subjekt gewisser- 
maßen die sich bildende bürgerliche Gesellschaft selbst ist. 
Wie kann man sich aber einbilden, daß Gott einmal eine ganze 
Klasse zu ewigen Höllenstrafen verdammen werde, die Klasse 
der ehrbaren Bürger? Wenn er es täte, was bliebe ihm dann 
für den Himmel übrig? Das Volk, die ungebildete Masse? 
Der Bürger kann das nicht glauben; es erscheint ihm voll- 
ständig sinnlos. 
So fühlt sich der Bürger gerechtfertigt. Er ist sich keiner 
Schuld bewußt. Das Volk ist gläubig geblieben. Er gibt das 
zu. Aber was beweist das gegen ihn? Ist denn der Mann des 
Volkes besser, tüchtiger, arbeitsamer als er selbst? Das ist die 
Frage, die er den Geistlichen stellt. „Sie gehen in die Kirche,‘ 
so läßt der Pfarrer den Bürger sprechen. „Aber nur selten 
finden sich unter ihnen rechtschaffene und ehrliche Leute. Sie 
versäumen keinen Gottesdienst. Sie folgen allen Prozessionen ... 
Aber nachts stehen sie auf, um unsere Gärten zu plündern,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.