Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

Bürgertum und Volk 
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von der Kirche so oft gepriesen worden sind und den ge- 
bildeten Laien zur Nachahmung als Vorbilder empfohlen 
werden. Aber ist die Frage für diese Schicht der Gläubigen 
so nicht überhaupt falsch gestellt? Im Grunde handelt es 
sich ja gar nicht darum, jeden Einzelnen dieser schlichten 
Gläubigen danach zu fragen, was er weiß oder nicht weiß. 
Denn das würde voraussetzen, daß jeder von ihnen sein eignes 
Wissen und seinen eigenen persönlichen Glauben hätte. Tat- 
sächlich ist es aber doch ganz anders. Die Gemeinschaft ist 
der eigentliche Träger des Glaubenserlebnisses; die Gemeinde 
hat geglaubt; und es handelt sich nicht um einen irgendwie 
persönlich zu differenzierenden Glauben. Hier könnte man 
wirklich sagen, daß für diesen schlichten Laien die Kirche 
geglaubt hat, sie, die stets von der ganzen Lehre weiß, die 
an alles das glaubt, was ihr jemals offenbart worden ist, 
und weder vergessen noch irren kann, 
Aber das kann nur auf den schlichten Gläubigen Anwendung 
finden. Es gilt nicht für den gebildeten Laien, der eben nicht 
mehr einfach das glaubt, was „alle‘‘ glauben. Erst für ihn wird 
darum die fides implicita zum Problem. Er kennt diese oder 
jene Lehre der Kirche oder er weiß nichts davon; er glaubt an 
dieses oder jenes, während ein anderes ihm niemals zum 
religiösen Erlebnis geworden ist. Und er kann nun nicht zu 
seinen Gunsten einfach die fides implicita anführen, um ge- 
wissermaßen die Mängel seines persönlichen Glaubenserlebnisses 
durch das, was die Gemeinschaft glaubt, ausgleichen zu können. 
Denn tatsächlich hat er nur das geglaubt, wovon er überzeugt 
war, und nichts anderes. Wenn sich erst einmal die Notwendig- 
keit herausstellen wird, einen Katechismus für „Kinder von 
40 bis 50 Jahren‘ (37) anzufertigen, wie sich ein Apologet der 
zweiten Hälfte des XVIII Jahrhunderts ausdrückt, so wird 
die Unkenntnis des gebildeten Bürgertums, die dadurch ge- 
kennzeichnet werden soll, daher weit folgenschwerer sein als die 
Unwissenheit der einfachen Leute. Bei diesen handelte es sich 
um schlechtes Gedächtnis oder um mangelhaft entwickelte 
geistige Fähigkeit; bei den gebildeten Laien hingegen ist dies 
anders. Sie haben nicht nur bestimmte Lehrsätze vergessen 
oder nicht gekannt, sondern im Grunde hat die Welt des 
Glaubens selbst aufgehört, in ihnen lebendig zu sein; es fehlen 
die Voraussetzungen des Glaubens.
	        
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