Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

28 Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins 
ist nur, warum in der Neuzeit dieses Problem nun diesen be- 
sonderen Charakter und diese entscheidende Wichtigkeit in 
Hinsicht auf den gebildeten Laien erhält. Denn solange es 
sich einfach nur darum handelt, die Unkenntnis der Gläubigen 
irgendwie zu entschuldigen und sie ihnen nicht als Sünde 
anzurechnen, scheint es sich ja eigentlich weit mehr um die 
ungebildeten als um die gebildeten Laien zu handeln. Der 
gebildete Laie weiß ja vieles, glaubt hingegen nur weniges, 
während bei dem schlichten, ungebildeten Gläubigen das 
Gegenteil der Fall ist. 
„So findet man überall gute Leute,‘ sagt der Abbe Fleury, 
„die seit 40 oder 50 Jahren in die Kirche gehen und mit 
großem Eifer dem Gottesdienste in der Kirche beiwohnen 
und dabei doch von den elementarsten christlichen Lehren 
keine Ahnung haben ... Die meisten glauben ihren Katechis- 
mus zu kennen, weil sie ihn als Kinder gelernt haben und 
merken dabei nicht, daß sie ihn vergessen haben oder daß 
sie ihn überhaupt nie recht verstanden haben‘ (31). Man 
findet unter dem Volke, sagt anderseits der Pfarrer von Gap, 
„Greise, die nicht einmal die ersten Grundsätze des Katechismus 
kennen und die behaupten, sie hätten alles vergessen‘ (32). So 
steht es mit dem Volke, und man begreift, daß die Geistlichen 
nicht ohne Sorge sind; denn, wie ein geistlicher Würden- 
träger es ausdrückt, „die Kirche betont nachdrücklichst, 
daß, wer gerettet sein will, vor allen Dingen den katholischen 
Glauben kennen muß‘‘ (33), das heißt eben seinen Katechismus 
gut kennen muß, der die „Dogmen enthält, die man durchaus 
glauben muß, um gerettet zu werden‘ (34). 
Aus alledem müßte man also schließen, daß die schlichten 
und demütigen Gläubigen, die ihr ganzes Leben lang mit 
großem Eifer dem Gottesdienst und der Predigt beigewohnt 
haben, kaum der Verdammnis entgehen können; denn, was 
sie auch sonst Verdienstvolles getan haben mögen, es bleibt 
doch die Tatsache bestehen, daß man „Ohne die Kenntnis 
der hauptsächlichsten Wahrheiten der Religion notwendiger- 
weise verdammt ist‘ (35). Nun läßt es sich aber nicht ver- 
kennen, „daß in den niederen Volksschichten, besonders auf 
dem Lande tiefe Unwissenheit herrscht‘ (36). 
Unter den Auserwählten würden sich also nur wenige 
dieser einfachen und schlichten Gläubigen finden. die doch
	        
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