Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

Bürgertum und Volk 
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wovon er tatsächlich überzeugt ist, wofür er persönlich ein- 
zustehen bereit ist, und dem, was er im besten Falle eben nur 
hinnehmen kann, weil er weiß, daß es die Kirche lehrt, und 
daß diese nicht irren kann. 
Alle solche Fragen und Problemstellungen setzen voraus, 
daß der Glaube aufgehört hat, sich als unmittelbare Einheit 
darzustellen, daß er immer mehr in eine Reihe von Einzel- 
sätzen zerfällt, die als solche diskutiert werden müssen. Will 
die Kirche dann die Einheit des Glaubens wiederherstellen 
und gewissermaßen aus den verschiedenartigen Individuen, 
deren Glaubenserlebnisse nicht mehr die gleichen sind, von 
Neuem eine Gemeinde bilden, so muß sie eine Reihe von 
Fiktionen zu Hilfe nehmen. Wer sich der Autorität der 
Kirche unterwirft, glaubt auch weiterhin an das, was er 
nach seinem eigenen Eingeständnis nicht mehr zu glauben 
vermag. Das ist die erste Fiktion. Aber auf welche Weise 
kann er nun tatsächlich an das glauben, woran er beim besten 
Willen nicht mehr zu glauben vermag, weil es ihm zu etwas 
Fremdem, in jeder Hinsicht Unverständlichem geworden ist? 
Wie soll er sich davon überzeugen, daß eine Lehre die seiner 
ganzen Geistesverfassung widerspricht, doch einen Bestandteil 
dessen bildet, woran er glaubt? Hier kommt die Theorie der 
fides implicita zu Hilfe. Was er nicht explicite zu glauben 
vermag, kann er implicite glauben. Das ist die zweite Fiktion, 
die gewissermaßen der ersten als Ergänzung dient. 
Die Theorie der Fides implicita ist, wie wir schon an- 
gedeutet haben, nicht neuen Ursprunges, und wir wollen auch 
nicht behaupten, daß etwa die religiös-kirchliche Entwicklung 
des XVIIIL. Jahrhunderts in Frankreich sich auf Grundlage dieser 
Theorie vollzogen habe. Sie ist aber jedenfalls ein charakte- 
ristischer Ausdruck einer bestimmten Lage und kann wohl 
dazu dienen, bestimmte Phänomene der religiösen Entwicklung 
begreiflich zu machen. Der Katholik weiß nur verhältnis- 
mäßig wenig von der Lehre seiner Kirche, und was er davon 
weiß, hat er sich immer nur in mehr oder weniger unvoll- 
kommener Weise zu eigen gemacht, und häufig in einer Form, 
die, wenn sie zu klarem Ausdruck gelangen könnte, nicht 
mehr ganz der ursprünglichen Lehre entsprechen würde. So 
liegt denn tatsächlich hier ein Problem vor, das zum mindesten 
alle die betrifft, die nicht gelehrte Theologen sind. Die Frage
	        
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