Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

29 Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins 
als etwas in sich Unabhängiges darstellen und deuten lassen, 
so ist sie gewissermaßen nur noch ein abstraktes Gebilde. 
An Stelle der lebendigen Organisation muß dann notwendiger- 
weise eine Reihe von Urkunden und Schriften treten, die man 
als solche zu prüfen hat. Das soziale Ganze löst sich auf. Was 
übrig bleibt, sind bestimmte Behauptungen, die mehr oder 
minder anfechtbar erscheinen. Die Kirche in ihrer KEigen- 
lebendigkeit, in der Mannigfaltigkeit ihrer Formen, in ihrer 
konkreten Tatsächlichkeit verschwindet immer mehr. Sie 
stellt sich schließlich, wie wir noch sehen werden, für den 
gebildeten Laien als eine Körperschaft dar, die bestimmte 
Persönlichkeiten umfaßt: die Geistlichen. Was übrig bleibt, 
sind eine Reihe von Lehrsätzen, die man irgendwie als ein 
System zu erfassen sucht oder auch für sich isoliert betrachtet 
je nach dem Gang der allgemeinen Diskussion. Nun aber 
kann diese Lehre nicht aus sich selbst erwiesen werden. So 
muß dann doch wieder, um diese Lehre zu stützen, auf die 
Idee der Kirche zurückgegriffen werden. Der Laie wird ein- 
dringlichst ermahnt, die Autorität der Kirche anzuerkennen 
und an das zu glauben, was sie lehrt, weil eben sie es ist, die 
es lehrt. Aber so gefaßt, stellt die Kirche für den gebildeten 
Laien eigentlich nur immer eine Abstraktion dar, die mit 
dem rein formal gefaßten Begriff der Autorität identisch wird. 
So haben wir es immer mehr mit zwei Abstraktionen zu tun: 
mit der Lehre einerseits, mit der Autorität anderseits. Beide 
bedingen sich gegenseitig und bestimmen den Verlauf der 
Auseinandersetzung zwischen der Kirche und dem zum Be- 
wußtsein seine selbst gelangenden Bürgertum.
	        
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