Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

18 Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins 
So gäbe es einen kürzeren Weg, um zum Glaubeu zu ge- 
langen als den, den die Vernunft uns weist. Bossuet hatte 
schon darauf hingewiesen. „Es ist ein Irrtum“, führt er aus, 
„sich einzubilden, daß die Prüfung immer dem Glauben voran- 
gehen muß. Das Glück desjenigen, der sozusagen im Schoße 
der wahren Kirche geboren ist, ist es ja gerade, daß Gott ihr 
eine solche Autorität verliehen hat, daß man zuerst glaubt, 
was sie lehrt, und daß der Glaube der Prüfung vorangeht 
oder vielmehr diese ausschließt‘ (17). Um diese Erscheinung 
zu erklären, sprechen die Theologen von fides infusa. Hier 
möge es genügen von Tradition zu sprechen. „„/Teureux ceux 
en qui les prejuges humains sont joints & la vraie creance, que 
le Saint-Esprit met dans le ceur. Ils sont exempts d’une grande 
tentation‘* (18). 
Der Abbe Pluche, der in seinen Ausführungen oft mehr 
Soziologe als eigentlich Theologe zu sein scheint, vergleicht 
das Verhalten der Gläubigen der Kirche gegenüber mit dem 
der Untertanen gegenüber den weltlichen Behörden, wobei er 
besonders die souveränen Gerichtshöfe, die Parlamente des 
ancien regime im Auge hat. ‚„‚Die Gläubigen verlangen 
ebenso wenig Beweise für die Dogmen oder für das Evange- 
lium, oder für die Berechtigung der Ausübung des geist- 
lichen Amtes, als sie nach Beweisen verlangen für den recht- 
mäßigen Besitz ihres Eigentums oder für die Legitimität 
ihrer Gerichtshöfe. Es wäre leicht, Beweise beizubringen. 
Aber warum erst beweisen wollen, was man nicht versucht 
ist zu bestreiten?‘ (19). Es genügt uns zu wissen, führt 
er weiter aus, daß gewisse Rechte öffentlich und ohne Unter- 
brechung ausgeüht worden sind, um die Rechtmäßigkeit solcher 
Institutionen anzuerkennen. Dies ist, und zwar in ganz be- 
sonderem Maße, der Fall, wenn es sich um unser Verhalten 
der Kirche gegenüber handelt. Wie wir die Parlamente ohne 
Bedenken anerkennen, weil ihre Rechtsausübung etwas Stetiges 
und Fortlaufendes darstellt, so erheben wir auch keinen Zweifel, 
wenn es sich um die Kirche handelt. „Diese Art von Tradition 
und Übermittlung‘ (20) erübrigt es, daß wir erst in Büchern 
lange nachforschen, um uns zu vergewissern, daß diese oder 
jene Institution nun wirklich auch rechtmäßig besteht. Die 
traditionelle Rechtsausübung stellt sich uns als etwas Unfehl- 
bares dar. Es genügt uns, um in dieser Hinsicht jedes Zweifels
	        
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