Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

Der schlichte Glaube 
Er wird sich seiner Andersartigkeit, seiner Überlegenheit bewußt, 
indem er sich mit denen vergleicht, die, ohne sich überhaupt 
von ihrem Glauben Rechenschaft ablegen zu können, auch 
weiterhin gläubige Katholiken bleiben. Es sind dies die ein- 
fachen Gläubigen, wie die Kirchensprache es ausdrückt, für 
die auch weiterhin Leben und Glauben so innig miteinander 
verbunden bleiben, daß sie überhaupt nicht die Glaubenssätze 
einzeln als solche loslösen können, um sie auf ihren eigentlichen 
Gehalt und auf ihren Rechtsgrund hin zu prüfen. Für sie ist 
der Glaube wirklich, eine Lebenswirklichkeit. So stehen sie 
dem Bürger gegenüber, der mit der Zeit immer mehr dazu 
kommt, den Glauben als etwas ihm selbst Äußerliches, als 
solches zu Erwägendes und zu Prüfendes zu betrachten, weil 
sein Leben, das sich immer mehr außerhalb der kirchlichen 
Sphäre abspielt, sich nach rein profanen Erwägungen und 
Grundsätzen regeln läßt. 
So muß man von der Einfalt des einfachen Gläubigen 
ausgehen, will man die Geistesentwicklung des Bürgertums 
in Hinsicht auf den Glauben in seiner ganzen Bedeutung 
verstehen: von der Masse, für die die kirchlichen Organisations- 
formen und Anschauungsweisen etwas von ihrem Leben Un- 
abtrennbares bedeuten, eine Welt, die die ihre geblieben ist 
und ihr ganzes Denken und Fühlen bestimmt. 
‚Die Kirche, von Gott inspiriert und erleuchtet von den 
heiligen Aposteln,‘“ sagt Bossuet, „hat das Jahr so geordnet, 
daß man in ihm zugleich mit dem Leben die Mysterien, mit 
der Predigt und der Lehre Jesu Christi die wahre Frucht von 
alledem in den wunderbaren Tugenden ihrer Diener und in 
den Beispielen ihrer Heiligen wiederfindet.‘“ So stellt das 
Kirchenjahr für den Gläubigen einen Leitfaden dar ‚des 
alten und des neuen Testamentes und der gesamten Kirchen- 
geschichte‘ (1). „Die Kirchenfeste‘“, so drückt es Reguis aus, 
ein schlichter Pfarrer in Gap, einer kleinen französischen Provinz- 
stadt, dem wir hier noch öfters begegnen werden — sind ‚die 
heiligen Marksteine, die Jahr für Jahr uns die Mysterien und 
die hauptsächlichen Artikel unseres Glaubens in Erinnerung 
bringen‘ (2). Doch nicht allein aus den kirchlichen Feierlich- 
keiten schöpft das Volk die Kenntnis seiner Religion; alles, 
was mit dem Kultus in Zusammenhang steht, dient ihm zur 
Belehrung.
	        
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