Full text: Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung (1)

I. DER SCHLICHTE GLAUBE 
_* der Entwicklung des bürgerlichen Geistes in Frankreich hat 
die wachsende Gewißheit des Bürgertums, gegenüber dem 
Alten das Neue, Zeitgemäße zu vertreten, eine entscheidende 
Rolle gespielt. Der Bürger fühlte sich als Vertreter der neuen 
Zeit, während seine Gegner ihrer geistigen Einstellung, 
ihrem ganzen Fühlen und Denken nach der Vergangenheit 
angehörten. Diese Vergangenheit war für den Bürger das, 
was eigentlich nicht mehr sein sollte, was seine Existenz- 
berechtigung verloren hatte. Das galt von einem gewissen 
Zeitpunkte an vor allem für die katholische Weltanschauung, 
zum mindesten für ganz wesentliche Bestandteile dieser Welt 
anschauung. Der Bürger sah in ihr etwas Vergangenes, mag 
es sich dabei um Seine eigene erlebte Vergangenheit handeln 
oder um etwas rein Geschichtliches, um eine abgelaufene 
Epoche des menschlichen Denkens. Sie stellte sich von seinem 
Standpunkte aus als etwas dar, was veraltet war und nicht 
mehr lebenskräftig, was unwahr geworden war am Leben und 
sein geschichtliches Recht verloren hatte. 
Dabei handelte es sich zunächst gar nicht um bestimmte 
kirchliche Lehren, denen man etwa gewisse philosophische 
Überzeugungen, die sich der Bürger zu eigen gemacht hätte, 
entgegenstellen könnte. Das Entscheidende ist hier vielmehr 
dies, daß der Bürger sich ein neues Leben bildet nach eigenen 
Wertmaßstäben und Zielsetzungen, außerhalb der kirchlich 
bedingten Lebensformen. So stand hier Leben gegen Leben. 
Der neue bürgerliche Mensch, der sich ein Leben nach profanen, 
diesseitigen Gefühls- und Vorstellungsweisen gebildet hat, 
gelangt zum Bewußtein seiner selbst und sondert sich ab von 
dem alten Menschen, der auch weiterhin in der Welt des 
Glaubens sein Leben verbringt. Dieser alte Mensch war aber
	        
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